Literaturbrevier

Jürgen Bartsch: Briefe

(Um diese Seite zu verstehen, sollte man wissen, wer Jürgen Bartsch war)

So viele Leute haben mich gefragt, was ich denn nun denke, was werden soll. Ich habe darauf nichts gesagt. Ich habe einen solchen Haß auf mich selbst entwickelt, daß ich diese Frage gar nicht stelle. Ich finde, ich habe es nicht verdient, daß nochmal irgendwann etwas ›aus mir werden‹ sollte.

__

Und das Furchtbarste: die letzte Minute des kleinen elfjährigen Manfred. Wie er die Augen noch einmal aufschlägt und mich fragt, ja mich fragt, ohne Haß, ohne Schmerz und ohne Angst, und ich lese in diesen Augen und finde das darin, das ich nie, niemals begreifen werde: Verzeihung, ja sogar Mitleid mir mir! Und das bestätigt seine schwache Frage: »Kommst du jetzt hinter Gitter?« Dann ist es aus.
Ich weiß nur noch, daß ich mich auf die Steine geworfen habe und geheult wie ein Schloßhund.

__

Denn das, das Furchtbare, was geschehen ist, und das können Sie mir glauben, das kam nicht von meiner Seele. Nein, aus der Seele nicht! Denn sie ist nicht mit mir groß geworden. Sie ist hübsch klein geblieben.

__

»Ich kann mir nicht vorstellen, daß man bessere Eltern haben könnte« — dann fügte er[Bartsch] hinzu: »aber Liebe habe ich von ihnen nicht bekommen.«

__

Ich hatte sie[die Opfer] alle gern, ich habe es jedesmal bereut und doch getan!
Ich habe mich gewehrt, aber
»Es war stärker«!
Wer mir verzeihen kann, tue es.
Ich selbst kann mir nicht verzeihen!
Nie!!!

Viele Grüße Jürgen

__

Mörder leben stets unter uns, bevor sie es werden.

__

Es ist also ein Unterschied, ob ich nüchtern bin, dann lehne ich das genau wie jeder Andere ganz genauso scharf ab, vielleicht noch ein bißchen stärker, es geht ja gar nicht stärker abzulehnen. Aber wenn ich nun wirklich sexuell erregt bin, dann gibt es für mich nichts Normaleres als eben solche Gedanken.

__

Ein Zug kam uns entgegen, und ich versuchte, Detlef unter den Zug zu stoßen. Das war eine Angelegenheit von keiner richtigen Überlegung. Wenn überhaupt, habe ich nur ein paar Sekundenbruchteile überlegt, aber nicht mal eine Sekunde. Das ging einfach blitzschnell. Ich hatte bloß den einizgen Gedanken:
»Wenn du ihn jetzt unter den Zug wirfst, dann ist er tot und kann sich nicht wehren, dann kannst du ihn ganz nackt ausziehen.«
[...]
Der Zug kam uns entgegen. Ich habe ihn einfach geschubst, aber er hat sich gefangen. Er ist bis zur anderen Seite gestolpert. Er fragte böse, ob ich verrückt wäre. Ich habe ihm gesagt: »Du spinnst, ich bin nur gestolpert!« Sie müssen mir glauben, es gab niemanden, der erschreckter war als ich.

__

Heute, als erwachsener Mann, interessiert er mich sexuell überhaupt nicht, aber so einen Menschen wiederzusehen und dann festzustellen, daß er immer noch denselben Sprachfehler hat, da kommt das einem ein wenig hoch, sentimental meine ich, und man muß sich selber fragen: Warum ist er denn älter geworden, der Idiot. Wenn er nicht älter geworden wäre, dann wäre er wahrscheinlich mein Traum.

__

Ich rollte oft eine Decke zusammen, die war dann das Kind, und ich drückte es an mich, jetzt allerdings ohne jedes sexuelle Gefühl. Das war dann wie eine Erlösung, eine Wohltat. [...] Ich habe richtige Gespräche mit dem Kind geführt[...], als ob ich jemand ganz Anderer gewesen wäre, der Kinder gern hat und mit ihnen spielt.

__

In der Woche zweier schadet weder ihm noch ihr.
(Luther)

__

Am traurigsten bin ich, wenn ich zu Hause bin, wo alles so steril ist, daß man bald auftreten muß nur auf Zehenspitzen, ist ja alles soooo sauber, wenn es heiliger Abend ist, und ich gehe runter ins Wohnzimmer, viele Geschenke sind da für mich, ist ja ganz toll, und wenigstens an diesem Abend beherrscht meine Mutter einigermaßen ihr Wechselbad-Temperament, so daß man meint, vielleicht kannst du heute Abend mal Deine (also meine) eigene Schlechtigkeit etwas vergessen, aber es knistert irgendeine Spannung in der Luft, so daß man weiß, es wird ja doch wieder Scheiße; wenn man wenigstens ein Weihnachtslied singen könnte, und die Mutter sagt: »Nun sing doch mal ein Weihnachtslied«, und ich sage: »Ach laß doch, kann ich nicht, da bin ich doch auch viel zu groß für«, aber denken tu ich: »Kindermörder singt Weihnachtslieder, da soll man nicht verrückt werden.« Ich packe meine Geschenke aus und »freue« mich, zumindest tue ich so. Mutter packt ihre Geschenke aus, die von mir, und freut sich wirklich.
Inzwischen ist das Essen fertig, Hühnersuppe mit dem Huhn drin, und der Vater kommt, zwei Stunden nach mir. Er hat bis jetzt gearbeitet, wirft Mutter irgendein Haushaltsgerät vor die Füße, ihr kommen die Tränen vor Rührung, und er brummt irgendwas, das »Fröhliche Weihnachten« bedeuten könnte. Er setzt sich an den Eßtisch: »Na, wie ist das, kommt Ihr endlich?« Schweigend wird die Suppe gelöffelt, das Huhn rühren wir nicht an. Kein Wort wird gesprochen während dieser Zeit, nur das Radio spielt leise, wie schon seit Stunden. »Die Hoffnung und Beständigkeit gibt Kraft und Trost zu jeder Zeit...«
Wir sind fertig mit Essen, Vater setzt sich auf und brüllt uns an: »Prima, und was machen wir jetzt?«, so laut er kann, richtig gemein hört es sich an. »Nichts machen wir jetzt!« schreit Mutter zurück und läuft weinend in die Küche. Ich dneke: »Wer straft mich da, das Schicksal oder der liebe Gott?«, weiß aber sofort, daß das so nicht stimmen kann, und der Sketch fällt mir ein, den ich im Fernsehen gesehen habe: »Dasselbe wie letztes Jahr, Madam?« »Dasselbe wie jedes Jahr, James!!«
Ich frage leise: »Willst Du nicht wenigstens nachschauen, was wir Dir geschenkt haben«
»Nein!!«
Er sitzt nur da und stiert mit leerem Blick auf das Tischtuch. Es ist noch keine acht Uhr. Ich habe hier nichts mehr zu suchen, mache, daß ich auf mein Zimmer komme, laufe da hin und her, und es ist mir ernst mi dem Gedanken: »Springst Du nun aus dem Fenster oder nicht?« Warum habe ich die Hölle hier, warum wäre es besser tot als so was erleben? Weil ich ein Mörder bin? Das kann gar nicht ganz stimmen, es war heute nicht anders als jedes Jahr.
Dieser Tag war immer am schlimmsten, am meisten bewußt war es mir natürlich in den letzten Jahren, als ich noch zu Hause war, da kam an einem solchen Tag alles aber auch wirklich alles zusammen.

Und wann ich am glücklichsten bin?
Nehmen Sie das genaue Gegenteil von allem, was ich eben nannte. Nehmen Sie dann noch viele Geschwister, Jungen und Mädchen, mit denen ich hätte jeden Tag spielen können. Und dann auch nicht so eingeengt, auf die Minute genau zu Hause sein und so. Und nie erwachsen werden, immer Junge sein, höchstens 12 - 14 Jahre alt, mich mit den Anderen verstehen, Streiche mit ihnen machen, vielleicht auch in einem Ferienheim, wo nicht Sadisten als Lehrer sind, Kartoffelfeuer, Fahrtenlieder, Wanderungen, Geländespiele, das wäre mein Traum vom Glück. Kurz gesagt: Ein Leben lang kurze Hosen tragen. Aber daß ich »in realita« glüclich war? Das würde ich glatt verneinen. Mir fällt auch beim besten Willen nichts ein.

__