Literaturbrevier

Karl Philipp Moritz: Anton Reiser

Mit einer sanften Bewegung der rechten Hand teilte er dann Segen und Verdammnis aus. Seine Miene sollte dabei mitleidsvoll sein, aber die Intoleranz und der Menschenhaß hatten sich zwischen seinen schwarzen Augenbraunen gelagert.

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Der du die Freveltat begannst,
O gib, wenn du noch weinen kannst,
Die Hoffnung nicht verloren —
Gott wendet noch sein Angesicht,
Er will den Tod des Sünders nicht,
Sein Mund hat es geschworen. —

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Reiser hätte sich vielleicht seinen Zustand angenehmer machen können, hätter er des nur gehabt, was man bei manchen jungen Leuten ein insinuantes [einschmeichelndes] Wesen nennt. Allein zu einem solchen insinuanten Wesen gehört ein gewisses Selbstzutrauen, das ihm von Kindheit auf war benommen worden; um sich gefällig zu machen, muß man vorher den Gedanken haben, daß man auch gefallen könne. —

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I[ffland] übertraf Reisern weit an lebhaftem Ausdruck der Empfindung — Reiser aber empfand tiefer. — I[ffland] dachte weit schneller, und hatte daher Witz und Gegenwart des Geistes, aber keine Geduld, lange über einem Gegenstande auszuhalten. — Reiser schwang sich daher auch in allem übrigen bald über ihn hinauf. — Er verlor allemal gegen I[ffland], sobald es auf Witz und Lebhaftigkeit ankam, aber er gewann immer gegen ihn, sobald es darauf ankam, die eigentliche Kraft des Denkens an irgendeinem Gegenstande zu üben. — I[ffland] konnte sehr lebhaft durch etwas gerührt werden, aber es machte bei ihm keinen so daurenden Eindruck. Er konnte sehr leicht, und wie im Fluge etwas fassen, aber es entwischte ihm gemeiniglich ebenso schnell wieder. — I[ffland] war zum Schauspieler geboren. Er hatte schon als ein Knabe von zwölf Jahren, alle seine Mienen und Bewegungen in seiner Gewalt — und konnte alle Arten von Lächerlichkeiten in der vollkommensten Nachahmung darstellen. Da war kein Prediger in H[annover] dem er nicht auf das natürlichste nachgepredigt hätte. Dazu wurde denn gemeiniglich die Zwischenzeit, ehe der Konrektor zur Privatstunde kam, angewandt. Jedermann fürchtete sich daher vor I[ffland], weil er jedermann, sobald er nur wollte, lächerlich zu machen wußte.

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[Reiser] pflegte denn oft stundenlang mit seinem Freunde I[ffland] zu plaudern, mit dem er denn zuweilen gesellschaftlich am Katheder knien mußte. I[ffland] fand auch hierin Stoff, seinen Witz zu üben, indem er das Katheder, worauf sich der Konrektor mit den Ellenbogen gestützt hatte, mit dem Mecklenburgischen Wapen[sic], und sich und Reisern mit den beiden Schildhaltern verglich. — I[ffland]s Schalkhaftigkeit war durch keine Strafen zu unterdrücken, ausgenommen durch eine, wo er einmal eine ganze Stunde lang mit dem Gesicht gegen den Ofen gekehrt stehen mußte, und also seinen Witz nicht spielen lassen, oder gegen jemand irgendeine Pantomime machen konnte. — Diese Strafe preßte ihm zum erstenmal Tränen aus, und er legte sich im Ernst aufs Bitten, welches er sonst nie tat. — So war die Disziplin des Konrektors beschaffen. — Es hatte einmal einer aus Versehen seine Nachtmütze statt des Buchs in die Tasche gesteckt, und er ließ ihn mit der Nachtmütze auf dem Kopfe eine Stunde langvor der ganzen Klasse knien, worüber denn I[ffland] seinen tausend Spaß hatte, und seinen Nachbarn, die sich über seine Pantomime und seine drollichsten Einfälle zuweilen des Lachens nicht enthalten konnte, manche Ohrfeige zuzog.

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Mit einem Schneidergesellen insbesondre, der anfing, an seinen Grübeleien Gefallen zu finden, unterhielt er sich oft stundenlang — über die Möglichkeiten der Entstehung einer Welt aus Nichts — endlich gerieten sie auf das Emanationssystem, und auf den Spinozismus — Gott und die Welt war eins.
Wenn dergleichen Materien nicht in die Schulterminologie eingehüllt werden, so sind sie für jeden Kopf, und sogar Kindern verständlich.

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Sich in das ganze Sein und Wesen eines andern hineindenken zu können, war oft sein Wunsch — wenn er so auf der Straße zuweilen dicht neben einem ganz fremden Menschen herging — so wurde ihm der Gedanke der Fremdheit dieses Menschen, der gänzlichen Unbewußtheit des einen von dem Namen und Schicksalen des andern, so lebhaft, daß er sich, so dicht es der Wohlstand erlaubte, an einen solchen Menschen andrängte, um auf einen Augenblick in seine Atmosphäre zu kommen, und zu versuchen, ob er die Scheidewand nicht durchdringen könnte, welche die Erinnerungen und Gedanken dieses fremden Menschen von den seinigen trennte.

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Und als an einem andern Tage im Chore unter andern in einer Arie die Worte gesungen wurden:

Du strebst, um glücklicher zu werden,
Und siehst, daß du vergebens strebst —

so deutete er dies ebenfalls auf sich, und kam sich auf einmal wieder so verlassen, so verächtlich, so unbedeutend vor, daß er selbst Philipp Reisern nicht einmal von seinem neuen Kummer etwas sagen mochte, und lieber nicht zu ihm ging, um nicht von seinem Schicksal mit ihm reden zu dürfen, das nun anfing ihm wieder verhaßt zu werden, und der Mühe des Nachdenkens nicht mehr wert zu scheinen. —

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Es fuhren unten einige Kutschen vorbei, und die Leute, denen ein schreibender Mensch auf einem Hügel an der Landstraße freilich ein sonderbarer Anblick sein mußte, lehnten sich weit aus dem Schlage, um ihn zu betrachten — dies beschämte ihn etwas — aber er erholte sich bald wieder von der unangenehmen Wirkung, die dies neugierige Angaffen zuerst auf ihn tat, indem er sich in Ansehung dieser Menschen, die ihn nicht kannten, seine Existenz hinwegdachte

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Es war ihm unmöglich geworden, jemanden außer sich, wie seinesgleichen zu betrachten — jeder schien ihm auf irgendeine Art wichctiger, bedeutender in der Welt, als er, zu sein — daher deuchten ihm Freundschaftsbezeigungen von andern gegen ihn immer eine Art von Herablassung.

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Wo eine Kraft keine entgegengesetzte Kraft vor sich findet, da reißt sie ein und zerstört, wie der Fluß, wenn der Damm vor ihm weicht. — Das stärkere Selbstgefühl verschlingt das schwächere unaufhaltsam in sich — durch den Spott, durch die Verachtung, durch die Brandmarkung des Gegenstandes zum Lächerlichen. — Das Lächerlichwerden ist eine Art von Vernichtung, und das Lächerlichmachen eine Art von Mord des Selbstgefühls, die nicht ihresgleichen hat.

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