Literaturbrevier

Karl Philipp Moritz: Andreas Hartknopf

Eine Allegorie.

Hier will ich stehen! sagte er also, da er plötzlich an dem breiten Graben stand, über den kein schmaler Steg ihn führte — [...] Hier will ich stehen! sagte er noch einmal — weil ich nicht weiter kann — [...]. I c h   w i l l, w a s   i c h   m u ß, war sein Wahlspruch bis an den letzten Hauch seines Lebens — Es war seine höchste Weißheit, der er bis zum Tode getreu blieb.

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Der Kosmopolit zur Rechten war der reuige Schächer, und sagte: Lieber Bruder, wir hätten dieses Menschen schonen sollen — — und hätten ihn nicht sollen in die Grube stoßen, worin kein Wasser war — der arme Mensch! — indem drückte er Hartknopfen sanft in die Hand — und dieser sagte halb im Schlummer: Heute wirst du mit mir im Paradiese seyn!

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Da ergrimmte Hartknopf im Geiste, und sprang auf, pakte[sic] den erschrocknen Hagebuck bei der Brust und sagte: »Unmensch, was hat dir er Hund gethan, daß du ihn todtgetreten hast?« — Er ist mir zu nahe gekommen — — er hat mich gebissen — stammelte Hagebuck zitternd und zagend — »Er ist dir nahe gekommen, aber er ist dir nicht   z u   nahe gekommen und hat dich auch nicht gebissen«

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Wie es bei einem Meisterwerke, wenn es vollkommen seyn soll, fast mehr darauf ankömmt, daß der Künstler die wenigen Flecken, die etwa noch darinn sind, auszutilgen wisse, als daß er immer mehr neue Schönheiten hinzufügt, wodurch vielleicht das Ganze mehr verliert, als gewinnt [...]. Er fühlt es, daß jeder Stein des Anstoßes, den er weggeräumt hat, Gewinn für das Ganze ist [...]. Denn was ist Pracht und Zierrath gegen   R e i n l i c h k e i t? — heißt doch Mundus nicht umsonst die Welt.

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aber wie ungern, gab er denoch gänzlich alle Hoffnung zur Beßrung auf — mußte er sie aufgeben, so machte ihn das auf viele Tage traurig und niedergeschlagen; er schob die Schuld immer mehr auf den Arzt, als auf die Krankheit.

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Tausende müssen sich von Jugend auf gewöhnen, zu denken, daß sie nur um andrer willen, keiner aber um ihrentwillen da ist.

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Wie kann ein Mensch Langeweile haben, dem der Tod zur Seite steht? [...] Der feste Gedanke an den Tod war es, der ihm den Genuß jeder Freude verdoppelte, und jeden Kummer ihm versüßte. — Der wollustreiche Gedanke des Aufhörens drängte seine ganze Lebenskraft immer in den gegenwärtigen Augenblick zusammen, und machte, daß er in einzelnen Tagen mehr, als andre Menschen in Jahren, lebte.

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Und wenn sie jeden Augenblick ihres Lebens nutzen, dann erst ist Euer[des Pädagogen] Werk gekrönt.
Denn hin und wieder eine wohlangewandte Stunde oder ein wohlangewandter Tag ist mehr ein Werk des Zufalls, als ein Werk der Kunst.

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Die Predigerjahre.

Das Licht wandelte in der Finsterniß, und die Finsterniß erkannte es nicht.

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