Literaturbrevier

Johann Nepomuk Nestroy: Das Mädl aus der Vorstadt

F r a u   v o n   E r b s e n s t e i n. Setz' sich der Herr Onkel nix Traurigs in Kopf!

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S c h n o f e r l.
Mit der Lieb' ginget's prächtig bei mir, 's wär' schon recht,
Aber nur mit der Gegenlieb' steht's allweil schlecht.

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S c h n o f e r l.
Sei froh und lamentier' nicht wegen so einem Mädl, geh hin zu der Frau von Erbsenstein, mach' sie wieder gut und genieße ein unverdientes Glück in ihren Armen.
G i g l.
Is denn das wirklich a Glück mit der Erbsenstein?
S c h n o f e r l.
Freund, wiederhol' diese Frag' ja nicht, wennst bei ein' Fleischhacker vorbeigehst! Ich weiß nicht, für was er dich anschaut und was dir g'schicht. Sie is ja das Schönste, das Beste, das Himmlischste, was die Erde tragt! Nur dem Umstand, daß mein Alter um zehn Jahr' über »liebenswürdig« und meine Schönheit um zwanzig Grad unter »liebenswürdig« steht, hast du's zu verdanken, daß ich dir diesen guten Rat gib, sonst hätt' ich von deiner Dummheit profitiert und hätt' g'schaut, daß ich s' selber erschnapp'; denn wisse, Jüngling, ich glühe für die Erbsenstein mit einer Glut, die ebenso intensiv als hoffnungslos is, und nur deswegen red' ich dir zu, weil ich dir sie eher als jedem andern vergönn'!
G i g l.
Also, wenn's möglich wär', fischest du mir s' ab? Wie geht denn das mit deiner Freundschaft zu mir zusamm'?
S c h n o f e r l.
Freund, in dem Punkt gibt's keine Freundschaft und nutzet auch nix. Is eine zum Abfischen, so wird sie auch abg'fischt, und da is es immer viel besser, es fischt ein'm s' ein feindlicher Freund vor der Hochzeit, als es fischt ein'm s' ein freundlicher Feind nach der Hochzeit ab.
G i g l.
Also galaubst du, ich soll s' heiraten?
S c h n o f e r l.
Na, ob!
G i g l (mit Resignation).
Meinetwegen, aber nur g'schwind, daß ich's bald überstanden hab'.

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F r a u   v o n   E r b s e n s t e i n.
Krank war er?
S c h n o f e r l.
Ja, so Beklemmung mit Entzündung.
F r a u   v o n   E r b s e n s t e i n.
Da hätt' er wenigstens schreiben sollen!
S c h n o f e r l.
Ich will ihn übrigens gar nicht verteidigen, denn vor einem so zarten Tribunal werden die Sachen nicht im Rechtsweg, sondern im Gnadenweg entschieden.

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F r a u   v o n   E r b s e n s t e i n (zu Schnoferl).
Ich hab' noch was zu sprechen mit Ihnen.
[...]
S c h n o f e r l (für sich).
Sie hat allein mit mir zu sprechen! Jetzt, Schnoferl, sei standhaft, für dich blüht diese Blume nicht, drum handle als Freund und leiste Verzicht auf das, was du nicht erringen kannst!

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S c h n o f e r l.
Die eigenen Kinder sind dem Vater g'wiß immer die liebsten, und wenn's wahre Affen sein, so g'fallen ein' doch die eigenen Affen besser als fremde Engeln.

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M a d a m e   S t o r c h.
Unter anderm, wißt's ihr, mit wem ich heut' g'sprochen hab'?
S a b i n e.
Wie können wir das wissen?
R o s a l i e.
Wir kommen ja den ganzen Tag nicht von der Arbeit weg.
K n ö p f e l (aufstehend).
Schwester, das int'ressiert mich, mit wem hast denn g'red't oder was?
M a d a m e   S t o r c h.
Mit unserer Nachbarin, mit dem Mädl, die die Tag' erst ein'zogen is.
R o s a l i e.
Mit der Langweiligen von der rückwärtigen Stieg'n?
K n ö p f e l (sehr neugierig).
Na, und was hast du heraus'kriegt aus ihr?
M a d a m e   S t o r c h.
Sie bleibt ein' nie stehen, ich hab' s' aber dasmal festg'halten beim Fürtuch, so hat s' reden müssen. Ich hab s' eing'laden, daß s' uns besucht. Sie sagt aber, sie geht nirgends hin, sie will weder Leut' sehn noch g'sehn werden von d'Leut'.
S a b i n e (spöttisch lachend).
Jetzt will die keine Leut' sehn!
R o s a l i e.
Da wird weiter den Leuten nicht leid sein drum!

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K n ö p f e l.
Jetzt muß ich aber nochmals ins G'wölb[Laden] hinunter, muß mir ein paar Belege zur Inventur holen, und das zwar gleich oder wann.
[...] Schnoferl tritt zur Mitte ein.
A l l e.
Der Herr Schnoferl!
K n ö p f e l.
Servus, Freund, Servus oder was.
M a d a m e   S t o r c h.
Was? Sie sein auch noch auf der Welt?
S a b i n e.
Ich wär' lieber gar nicht mehr kommen!
R o s a l i e.
Er hat wichtige Geschäfte!
S a b i n e.
Und kommt viel in noble Häuser!
M a d a m e   S t o r c h.
Ordinäre Leut' wie wir sind ihm zu wenig!
K n ö p f e l (zu Schnoferl).
Sie nehmen's nicht übel, ich hab' noch ein'n Augenblick z' tun im Gwölb' oder wo.
S c h n o f e r l.
Ich hab' schon später das Vergnügen.
K n ö p f e l.
Denn i muß jetzt die Inventur machen oder was. (Eilt zur Mitte ab.)
S a b i n e.
Wir werden jetzt gleich hören, was er für Entschuldigung hat. (Zu Schnoferl.) Reden Sie!
S c h n o f e r l.
Wie befinden Sie sich?
S a b i n e.
Glauben Sie vielleicht, wir härmen uns ab über Ihr Ausbleiben?
S c h n o f e r l.
Sie befinden sich?
R o s a l i e.
Es is nur die Red' von der Unart.
S c h n o f e r l (mit noch mehr Nachdruck).
Wie befinden Sie sich also?
M a d a m e   S t o r c h, R o s a l i e, S a b i n e, P e p p i.
Gut, sehr gut!
S c h n o f e r l.
Das is schön, um so mehr Teilnahme sind Sie dem schuldig, der sich nicht gut befindet.
R o s a l i e.
Wer befind't sich denn schlecht?
S c h n o f e r l.
Ein meiniger Freund.
M a d a m e   S t o r c h, R o s a l i e, S a b i n e, P e p p i.
Ein Freund —?
S c h n o f e r l.
Ich hab' einen Freund — Sie werden wissen, was Freundschaft ist, denn Sie haben ja auch jede einen Freund — mein Freund ist unglücklich, er leidet sehr.
S a b i n e.
Wer hat ihm denn was getan?
S c h n o f e r l.
Ein Mädl!
M a d a m e   S t o r c h.
Also eine Liebesg'schicht'! Was geht das uns an?
[...]
R o s a l i e.
Is er vielleicht recht schiech?
S c h n o f e r l.
Schiech, unendlich schiech über sein Schicksal.
S a b i n e.
Wir meinen sein Äußeres, is das schön?
S c h n o f e r l.
Schön, unendlich schön, wenn eine halbwegs glühende Phantasie das ruhige Anschaun unterstützt. Übrigens will ich gar nix davon sagen, daß er reich is.
R o s a l i e, P e p p i, S a b i n e.
Reich?
S c h n o f e r l.
Ich weiß, das int'ressiert euch Mädln nicht, aber er is sehr reich.
R o s a l ie (mitleidsvoll).
Der arme Mensch!
S a b i n e.
Bedauert mich von Herzen!
P e p p i.
Wirklich jammerschad'!
S c h n o f e r l.
Wie g'schwind sich 's Mitgefühl zeigt, wenn so ein armer Mensch reich is! Sie allein können helfen, meine Aimablesten.
R o s a l i e, P e p p i, S a b i n e.
Wir?
S c h n o f e r l.
Reißen Sie diese Lieb' aus seinem Herzen heraus! Wer verstünd' das besser als Sie!
S a b i n e (geziert).
Was können wir da machen?
R o s a l i e (ebenso).
Ich wüßt' gar nicht —
P e p p i (ebenso).
Hör'n S' auf!
S c h n o f e r l.
Mein Freund is krank, herzenskrank durch ein Mädl, ich will diesen Zustand durch Mädln vertreiben.
R o s a l i e (geziert).
Warum nicht gar!
S a b i n e (ebenso).
Was fallt Ihnen ein!

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S c h n o f e r l.
Was is Ihnen denn passiert?
M a d a m e   S t o r c h.
Eine Keckheit, eine Verwegenheit — wenn nur mein Bruder da wär' — ein Herr is mir nachgegangen.
S c h n o f e r l.
Und das hat Ihnen um die Fassung gebracht?
R o s a l i e (zu Peppi und Sabine).
's g'schieht ihr halt nicht gar oft.
S a b i n e (zu beiden).
Da müßten wir alle Tag' ohnmächtig nach Haus kommen.
M a d a m e   S t o r c h.
Und stellen Sie sich vor, bis ins Haus herein verfolgt er mich!
S c h n o f e r l.
Ja, die jungen Leut' haben eine Effronterie[Frechheit] —
M a d a m e   S t o r c h.
Oh, der war nicht jung.
S c h n o f e r l.
Aber die Effronterie wird er noch von der Zeit her haben, wie er jung war.

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S c h n o f e r l (zu Knöpfel, Gigl und Kauz vorstellend).
Meine intimsten Freunde Gigl und Kauz.
K n ö p f e l (komplimentierend).
Dero Besuch ist mir unendliche Ehre oder was.

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R o sa a l i e (Eßzeug tragend, im Eintreten zu Thekla).
Wie kann man denn gar so wildfremd tun gegen Nachbarinnen?
M a d a m e   S t o r c h (hat ihre Teller auf einen Stuhl gestellt).
Wissen Sie, daß uns das kränkt?
T h e k l a.
Ich will ja niemand kränken, aber Sie dürfen mir's glauben, ich hab' keine Zeit.
M a d a m e   S t o r c h.
Was, keine Zeit! Zum Arbeiten is es zu spät.
R o s a l i e.
's hilft Ihnen nix, den heutigen Abend müssen S' bei uns zubringen.
T h e k l a.
Aber, liebe Mamsell — liebe Madame —
M a d a m e   S t o r c h.
Ich müßt' nur sonst glauben, daß wir Ihnen zu schlecht sind —
R o s a l i e.
Daß Sie aus Stolz —
T h e k l a.
Du lieber Himmel, auf was sollt' ich stolz sein?
M a d a m e   S t o r c h.
Also geben Sie uns den Beweis!
T h e k l a.
Nun gut, ich bleibe!
M a d a m e   S t o r c h.
So is 's recht!
R o s a l i e.
Sie müssen ja Leut' nicht zurückstoßen, die's herzensgut meinen mit Ihnen. (Leise zu Madame Storch.) Wenn die ein Glas Extrawein trinkt, bringen wir ihr ein Geheimnis nach 'n andern heraus.

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S c h n o f e r l (erblickt Gigl und Thekla).
Was is denn das!? — Mamsell!
[...]
T h e k l a.
Nur ein Zufall hat mich grad heut' hierhergebracht.
S c h n o f e r l.
Ich führ' ihn her, daß er s' vergißt, und der Zufall führt sie her, daß s' ihn wieder dran mahnt! Ah, ich sag's, der Zufall muß ein b'soffener Kutscher sein — wie der die Leut' z'samm'führt, 's is stark!

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S c h n o f e r l.
Und dann is noch sehr die Frag', ob das auch wirklich ein Zufall war. Mir scheint, Sie steigen dem jungen Menschen nach und delektieren sich an der sukzessiven Abnahme seiner Vernunft.
T h e k l a (beleidigt).
Mein Herr —
G i g l (böse werdend).
Schonferl, ich sag' dir's —
S c h n o f e r l (zu Gigl).
Ruhig! (Zu Thekla.) Glauben Sie, ich genier' mich vor Ihnen? Ich sag' Ihnen offen, daß ich Sie für eine Versteckte halt'. Warum zeigen Sie sich nicht in Ihrer wahren Gestalt?
G i g l (zu Schnoferl).
Hörst, jetzt wird's mir z' arg!
S c h n o f e r l (zu Gigl).
Ruhig! (Zu Thekla.) Sie sind eine Handarbeiterin, die Fuß fassen will in den Herzen der Männer, indem sie ihnen die Köpf' verrückt durch melancholischen Anstrich und scheinheilige Kokettur!
T h e k l a (zu Schnoferl).
Was hab' ich Ihnen getan, daß —
G i g l (drohend).
Schnoferl, zum letztenmal —
S c h n o f e r l (zu Gigl).
Ruhig! (Zu Thekla.) Sie werden um kein Haar anders sein als wie die, die um kein Haar anders sind als wie Sie, spielen aber die Überspannte, die Reine, die Verklärte, als wie die Jungfrau von Orleans, bevor s' zum Militär gangen is.
T h e k l a.
Das is zuviel! (Bricht in Tränen aus und sinkt in einen Stuhl.)
[...]
S c h n o f e r l (indem er sie betrachtet).
Mamsell — sie tut sich völlig verschluchzen — (etwas gerührt) Mamsell — Sie müssen meine Worte nicht als Beleidigung nehmen.

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S c h n o f e r l.
Und dann ist die Sach' eine Herzenssach' —
F r a u   v o n   E r b s e n s t e i n.
So? Und in Herzenssachen ist alles verzeihlich?
S c h n o f e r l.
Beinah'! [...] Jede Eselei, wo das Herz im Spiel is, [ist] zur Vergebung qualifiziert.

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