Literaturbrevier

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Götzendämmerung

Ich will, ein für alle Mal, Vieles n i c h t wissen. — Die Weisheit zieht auch der Erkenntniss Grenzen.

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Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen?

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Der Mann hat das Weib geschaffen — woraus doch? Aus einer Rippe seines Gottes, — seines „Ideals” . . .

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Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und wenn es keine männlichen Tugenden hat, so läuft es selbst davon.

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Du läufst v o r a n? — Thust du das als Hirt? oder als Ausnahme? Ein dritter Fall wäre der Entlaufene ... E r s t e Gewissensfrage.

Bist du echt? oder nur eine Schauspieler? Ein Vertreter? oder das Vertretene selbst? — Zuletzt bist du gar bloss ein nachgemachter Schauspieler ... Z w e i t e Gewissensfrage.

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Man muss durchaus seine Finger darnach ausstrecken, und den Versuch machen, diese erstaunliche finesse zu fassen, d a s s  d e r  W e r t h  d e s  L e b e n s  n i ch t  a b g e s c h ä t z t  w e r d e n  k a n n. Von einem Lebenden nicht, weil ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist und nicht Richter; von einem Todten nicht, aus einem andren Grunde.

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Sokrates war ein Missverständniss; die ganze Besserungs-Moral, auch die christliche, war ein Missverständniss .

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Die Instinkte bekämpfen m ü s s e n — das ist die Formel für décadence

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Die Kennzeichen, welche man dem „wahren Sein” der Dinge gegeben hat, sind die Kennzeichen des Nicht-Seins, des N i c h t s, — man hat die „wahre Welt” aus dem Widerspruch zur wirklichen Welt aufgebaut: eine scheinbare Welt in der That, insofern sie bloss eine m o r a l i s c h - o p t i s c h e Täuschung ist.

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Ein andrer Triumph ist unsre Vergeistigung der F e i n d s c h a f t. Sie besteht darin, dass man tief den Werth begreift, den es hat, Feinde zu haben

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wir, wir Immoralisten und Antichristen, sehen unsern Vortheil darin, dass die Kirche besteht ... Auch im Politischen ist die Feindschaft jetzt geistiger geworden, — viel klüger, viel nachdenklicher, viel s c h o n e n d e r. Fast jede Partei begreift ihre Selbsterhaltungs-Interesse darin, dass die Gegenpartei nicht von Kräften kommt.

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Sowohl die Z ä h m u n g der Bestie Mensch als die Z ü c h t u n g einer bestimmten Gattung Mensch ist „Besserung” genannt worden: erst diese zoologischen termini drücken Realitäten aus. — Realitäten freilich, von denen der typische „Verbesserer”, der Priester, Nichts weiss — Nichts wissen w i l l.

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Damit es Kunst giebt, damit es irgend ein ästhetisches Thun und Schauen giebt, dazu ist eine physiiologische Vorbedingung unumgänglich: der R a u s c h.

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Irgend Jemand widerspricht dir, ich fürchte, es ist die Natur.

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Krankheiten sind, in's Grosse gerechnet, bereits Folgeerscheinungen des Verfalls, n i c h t dessen Ursachen

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Statt naiv zu sagen, „i c h bin nichts mehr werth”, sagt die Moral-Lüge im Munde des décadent: „Nichts ist etwas werth, — das L e b e n ist nichts werth”.

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Der Pessimismus, anbei gesagt, so ansteckend er ist, vermehrt trotzdem nicht die Krankhaftigkeit einer Zeit, eines Geschlechts im Ganzen: er ist deren Ausdruck.

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Wonach misst sich die Freiheit, bei Einzelnen, wie bei Völkern? Nach dem Widerstand, der überwunden werden muss, nach der Mühe, die es kostet, o b e n zu bleiben.

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