Literaturbrevier

Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches II

Vorrede

Man soll nur reden, wo man nicht schweigen darf; und nur von dem reden, was man  ü b e r w u n d e n  hat, — alles Andere ist Geschwätz, „Litteratur“, Mangel an Zucht. Meine Schriften reden  n u r  von meinen Ueberwindungen: „ich“ bin darin, mit Allem, was mir feind war, ego ipsissimus, ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt wird, ego ipsissim u m.

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Aus ihnen[aus den Schriften „Menschliches, ...“] redet ein Pessimist, der oft genug aus der Haut gefahren, aber immer wieder in sie hineingefahren ist, ein Pessimist also mit dem guten Willen  z u m  Pessimismus, — somit jedenfalls kein Romantiker mehr: wie? sollte ein Geist, der sich auf diese Schlangenklugheit versteht, d ie   H a u t   z u   w e c h s e l n, nicht den heutigen Pessimisten eine Lektion geben dürfen, welche allesammt noch in der Gefahr der Romantik sind?

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Als ich allein weiter gieng, zitterte ich; nicht lange darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, [...].

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Damals lernte ich erst jenes einsiedlerisches Reden, auf welches sich nur die Schweigendsten und Leidendsten verstehn: ich redete, ohne Zeugen oder vielmehr gleichgültig gegen Zeugen, um nicht am Schweigen zu leiden, ich srpach von lauter Dingen, die mich nichts angiengen, aber so, als ob sie mich etwas angiengen. Damals lernte ich die Kunst, mich heiter, objektiv, neugierig, vor allem gesund und boshaft zu g e b e n, — und bei einem Kranken ist dies, wie mir scheinen will, sein „guter Geschmack“?

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Ihr Vorherbestimmten, ihr Siegreichen, ihr Zeit-Ueberwinder, ihr Gesündesten, ihr Stärksten, ihr g u t e n   E u r o p ä e r ! —

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Man fürchtet, mit diesem Willen[Willen zum Tragischen und zum Pessimismus] in der Brust, nicht das Furchtbare und Fragwürdige, das allem Dasein eignet; man sucht es selbst auf. Hinter einem solchen Willen steht der Muth, der Stolz, das Verlangen[...].

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II, 1: Vermischte Meinungen und Sprüche

11: Der Pessimist des Intellectes
Der wahrhaft Freie im Geiste wird auch über den Geist selber frei denken und sich einiges Furchtbare in Hinsicht auf Quelle und Richtung derselben nicht verhehlen. Deshalb werden ihn die Andern vielleicht als den ärgsten Gegner der Freigeisterei bezeichnen und mit dem Schimpf- und Schreckwort „Pessimist des Intellectes“ belegen: gewohnt, wie sie sind, Jemanden nicht nach seiner hervorragenden Stärke und Tugend zu nennen, sondern nach dem, was ihnen am fremdesten an ihm ist.

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16: Das Gute verführt zum Leben
Alle guten Dinge sind starke Reizmittel zum Leben, selbst jedes gute Buch, das gegen das Leben geschrieben ist.

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34: Aufopferung
Ihr meint, das Kennzeichen der moralischen Handlung sei die Aufopferung? — Denkt doch nach, ob nicht bei  j e d e r  Handlung, die mit Ueberlegung gethan wird, Aufopferung dabei ist, bei der schlechtesten wie bei der besten.

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38: An den Leugner seiner Eitelkeit
Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so brutaler Form, dass er instinvctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich nicht verachten zu müssen.

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40: Die Kunst der moralischen Ausnahmen
Einer Kunst, welche die Ausnahmefälle der Moral zeigt und verherrlicht — dort wo das Gute schlecht, das Ungerechte gerecht wird — darf man nur selten Gehör geben: wie man von Zigeunern ab und zu Etwas kauft, doch mit Scheu, dass sie nicht viel mehr entwenden, als der Gewinn beim Kaufe ist.

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46: Das menschliche „Ding an sich“
Das verwundbarste Ding und doch das unbesiegbarste ist die menschliche Eitelkeit: ja durch die Verwundung wächst seine Kraft und kann zuletzt riesengross werden.

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48: Viel Freude haben
Wer viel Freude hat, muss ein guter Mensch sein: aber vielleicht ist er nicht der klügste, obwohl er gerade Das erreicht, was der Klügste mit aller seiner Klugheit erstrebt.

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49: Im Spiegel der Natur
Ist ein Mensch nicht ziemlich genau beschrieben, wenn man hört, dass er gern zwischen gelben hohen Kornfeldern geht, dass er die Waldes- und Blumenfarben des abglühenden und vergilbten Herbstes allen andern vorzieht, weil sie auf Schöneres hindeuten als der Natur je gelingt, dass er unter grossen fettblätterigen Nussbäumen sich ganz heimisch wie unter Bluts-Verwandten fühlt, dass im Gebirge seine grösste Freude ist, jenen kleinen abgelegenen Seen zu begegnen, aus denen ihn die Einsamkeit selber mit ihren Augen anzusehen scheint, dass er jene graue Ruhe der Nebel-Dämmerung liebt, welche an Herbst- und Frühwinter-Abenden an die Fenster heranschleicht und jedes seelenlose Geräusch wie mit Sammt-Vorhängen umschliesst, dass er unbehauenes Gestein als übriggebliebene, der Sprache begierige Zeugen der Vorzeit empfindet und von Kind an verehrt, und zuletzt, dass ihm das Meer mit seiner beweglichen Schlangenhaut und Raubthier-Schönheit fremd ist und bleibt? — Ja, E t w a s  von diesem Menschen ist allerdings damit beschrieben: aber der Spiegel der Natur sagt Nichts darüber dass der selbe Mensch, bei aller seiner idyllischen Empfindsamkeit (und nicht einmal „trotz ihrer“), ziemlich lieblos, knauserig und eingebildet sein könnte. Horaz, der sich auf dergleichen Dinge verstand, hat das zarteste Gefühl für das Landleben einen römischen  W u c h e r e r  in Mund und Seele gelegt, in dem berühmten „beatus ille qui procul negotiis“[glücklich, wer fern von Geschäften].

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61: Sein Licht leuchten sehen
Im verfinsterten Zustande von Trübsal, Krankheit, Verschuldung sehen wir es gern, wenn wir Anderen noch leuchten und sie an uns die helle Mondesscheibe wahrnehmen. Auf diesem Umwege nehmen wir an unserer eigenen Fähigkeit, zu  e r h e l l e n, Antheil.

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71: Warum die Skeptiker der Moral missfallen
Wer seine Moralität hoch und schwer nimmt, zürnt den Skeptiker auf dem Gebiete der Moral: denn dort, wo er alle seine Kraft aufwendet, soll man  s t a u n e n, aber nicht untersuchen und zweifeln. — Dann giebt es Naturen, deren  l e t z t e r  Rest von Moralität eben der Glaube an Moral ist: sie benehmen sich eben so gegen die Skeptiker, womöglich noch leidenschaftlicher.
[Paulus]

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73: Eine Gefahr für die allgemeine Moralität
Menschen, die zugleich edel und ehrlich sind, bringen es zu Wege, jede Teufelei, welche ihre Ehrlichkeit ausheckt, zu vergöttlichen und die Wage des moralischen Urtheils eine Zeit lang stillzustellen.

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Teil aus 86:
Unsere Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.

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105: Sprache und Gefühl
Dass die Sprache uns nicht zur Mittheilung des  G e f ü h l s  gegeben ist, sieht man daraus, dass alle einfachen Menschen sich schämen, Worte für ihre tieferen Erregungen zu suchen: die Mittheilung derselben äussert sich nur in Handlungen, und selbst hier giebt es ein Erröthen darüber, wenn der Andere ihre Motive zu errathen scheint. Unter den Dichtern, welche im Allgemeinen die Gottheit diese Scham versagte, sind doch die edleren in der Sprache des Gefühls einsilviger, und lassen einen Zwang merken: währen die eigentlichen Gefühls-Dichter im praktischen Leben meistens unverschämt sind.

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Teil aus 107:
Alle guten Dinge[Werke] haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.

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108: Den Hunger als Gast abweisen
Weil dem Hunrigen die feinere Speise so gut und um Nichts besser als die gröbste dient, so wird der anspruchsvollere Künstler nicht darauf denken, den Hungrigen zu seiner Mahlzeit einzuladen.

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115: Abarten der Kunst
Neben den ächten Gattungen der Kunst, der der grossen Ruhe und der grossen Bewegung, giebt es Abarten, die ruhesüchtige, blasirte Kunst und die aufgeregte Kunst: beide wünschen, dass man ihre Schwäche für ihre Stärke nehme und sie mit den ächten Gattungen verwechsele.

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Teil aus 121:
Die Künstler aller Zeiten haben die Entdeckung gemacht, dass in der  R o h h e i t  eine gewisse Kraft liegt und dass nicht Jeder roh sein kann, der es wohl sein möchte; ebenso dass manche Arten von  S c h w ä c h e  stark auf das Gefühl wirken.

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136: Mittel und Zweck
In der Kunst heiligt der Zweck die Mittel nicht: aber heilige Mittel können hier den Zweck heiligen.

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138: Merkmale des guten Schriftstellers
Die guten Schriftsteller haben zweierlei gemeinsam: sie ziehen vor, lieber verstanden als angestaunt zu werden; und sie schreiben nicht für die spitzen und überscharfen Leser.

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140: Mund halten
Der Autor hat den Mund zu halten, wenn sein Werk den Mund aufmacht.

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Ein Teil aus 144:
Wer sich als Denker und Schriftsteller zur Dialektik und Auseinanderfaltung der Gedanken nicht geboren oder erzogen weiss, wird unwillkürlich nach dem  R h e t o r i s c h e n  und  D r a m a t i s c h e n  greifen: denn zuletzt kommt es ihm darauf an, sich  v e r s t ä n d l i c h  zu machen und dadurch Gewalt zu gewinnen, gleichgültig ob er das Gefühl auf ebenem Pfade zu sich leitet, oder unversehens überfällt — als Hirt oder als Räuber.

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Ein Teil aus 144:
Solche Köstlichkeiten hängen lange als verbotene Früchte am Baume.

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146: Wodurch die Kunst Partei macht
Einzelne schöne Stellen, ein erregender Gesammt-Verlauf und hinreissende erschütternde Schluss-Stimmungen — so  v i e l  wird auch den meisten Laien von einem Kunstwerk noch zugänglich sein: und in einer Periode der Kunst, in der man die grosse Masse der Laien auf die Seite der Künstler  h i n ü b e r z i e h e n, also eine Partei, vielleicht zur Erhaltung der Kunst überhaupt, machen will, wird der Schaffende gut thun, auch nicht  m e h r  zu geben: damit er nicht zum Verschwender seiner Kraft werde, auf Gebieten, wo Niemand ihm Dank weiss. Das  U e b r i g e  nämlich zu leisten — die Natur in ihrem  o r g a n i s c h e n  Bilden und Wachsenlassen nachzuahmen — heisse in jenem Falle: auf Wasser säen.

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155: Der versteckte Leierkasten
Die Genie's verstehen sich besser als die Talente darauf, den Leierkasten zu verstecken, vermöge ihres umfänglicheren Faltenwurfs: aber im Grunde können sie auch nicht mehr, als ihre alten sieben Stücke immer wieder spielen.

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157: Schärfste Kritik
Man kritisirt einen Menschen, ein Buch am schärfsten, wenn man das Ideal desselben hinzeichnet.

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Ein Teil aus 177:
Das eigentliche Theatertalent der Deutschen war Kotzebue; er und seine Deutschen, die der höheren sowohl als die der mittleren Gesellschaft, gehörten nothwendig zusammen, und die Zeitgenossen hätten von ihm im Ernste sagen dürfen: „in ihm leben, weben und sind wir“.
[...]
Das zweite Theatertalent war Schiller: dieser entdeckte eine Classe von Zuhörern, welche bis dahin nicht in Betracht gekommen waren; er fand sie in den unreifen Lebensaltern, im deutschen Mädchen und Jüngling.
[...]
Schiller hat im Allgemeinen die Deutschen  v e r j ü n g t . — Goethe stand über den Deutschen in jeder Beziehung und steht es auch jetzt noch: er wird ihnen nie angehören. Wie könnte auch je ein Volk der Goethischen  G e i s t i g k e i t  in  W o h l - S e i n   u n d   W o h l - W o l l e n  gewachsen sein!

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Ein Teil aus 177:
Selig sind Die, welche Geschmack haben, wenn es auch ein schlechter Geschmack ist! — Und nicht nur selig, auch weise kann man nur vermöge dieser Eigenschaft werden: wesshalb die Griechen, die in solchen Dingen sehr fein waren, den Weisen mit einem Wort bezeichneten, das  d e n   M a n n   d e s   G e s c h m a c k s  bedeutet, und Weisheit, künstlerische sowohl wie erkennende, gerade zu „Geschmack“(Sophia) benannten.

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Ein Teil aus 172:
Die älteren Griechen verlangten vom Dichter, er solle der Lehrer der Erwachsenen sein: aber wie müsste sich jetzt ein Dichter schämen, wenn man diess von ihm verlangte[...].

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Ein Teil aus 180:
Lehr- und Betrachtungsstunden für Erwachsene, Reife und Reifste, und diese täglich, ohne Zwang, aber nach dem Gebot der Sitte, von Jedermann besucht: die Kirchen als die würdigsten und erinnerungsreichsten Stätten.

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216: Grund der Unfruchtbarkeit
Es giebt höchst begabte Geister, welche nur deesshalb immer unfruchtbar sind, weil sie, aus einer Schwäche des Temperamentes, zu ungeduldig sind, ihre Schwangerschaft abzuwarten.

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241: Die gute Freundschaft
Die gute Freundschaft entsteht, wenn man den Anderen sehr achtet und zwar mehr als sich selbst, wenn man ebenfalls ihn liebt, jedoch nicht so sehr als sich, un wenn man endlich, zur Erleichterung des Verkehrs, den zarten  A n s t r i c h  und Flaum der Intimität hinzuzuthun versteht, zugleich aber sich der wirklichen und eigentlichen Intimität und der Verwechslung von Ich und Du weislich enthält.

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242: Die Freunde als Gespenster
Wenn wir uns stark verwandeln, dann werden unsere Freunde, die nicht verwandelten zu Gespenstern unserer eigenen Vergangenheit: ihre Stimme tönt schattenhaft-schauerlich zu uns heran — als ob wir uns selber hörten, aber jünger, härter, ungereifter.

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245: Vortheil und Nachtheil im gleichen Missverständniss
Die verstummende Verlegenheit des feinen Kopfes wird gewöhnlich von Seiten der Unfeinen als schweigende Ueberlegenheit gedeutet und sehr gefürchtet: während die Wahrnehmung von Verlegenheit Wohlwollen erzeugen würde.

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247: Sich zur Aufmerksamkeit zwingen
Sobald wir merken, dass Jemand im Umgange und Gespräche mit uns sich zur Aufmerksamkeit  z w i n g e n , haben wir einen vollgültigen Beweis dafür, dass er uns nicht oder nicht mehr liebt.

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251: Im Scheiden
Nicht darin, wie eine Seele sich der andern nähert, sondern wie sie sich von ihr entfernt, erkenne ich ihre Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit mit der andern.

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252: Silentium
Man darf über seine Freunde nicht reden: sonst verredet man sich das Gefühl der Freundschaft.

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280: Grausamer Einfall der Liebe
Jede grosse Liebe bringt den grausamen Gedanken mit sich, den Gegenstand der Liebe zu tödten, damit er ein für alle Mal dem frevelhaften Spiel des Wechsels entrückt sei: denn vor dem Wechsel graut der Liebe mehr als vor der Vernichtung.
[X]

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282: Mitleidige Frauen
Das Mitleiden der Frauen, welches geschwätzig ist, trägt das Bett des Kranken auf offenen Markt.

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289: Von eitlen alten Männern
Der Tiefsinn gehört der Jugend, der Klarsinn dem Alter zu: wenn trotzdem alte Männer mitunter in der Art des Tiefsinnigen reden und schreiben, so thun sie es aus Eitelkeit, in dem Glauben, dass sie damit den Reiz des Jugendlichen, Schwärmerischen, Werdenden, Ahnungs- und Hoffnungsvollen annehmen.

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297: Von Zeit zu Zeit
Er setzte sich in das Stadtthor und sagte zu Einem, der hindurchgieng, diess eben sei das Stadtthor. Jener entgegnete, es sei das eine Wahrheit, aber man dürfe nicht zu viel Recht haben, wenn man Dank dafür haben wolle. Oh, antwortete er, ich will auch keinen Dank; aber von Zeit zu Zeit ist es doch sehr angenehm, nicht nur Recht zu haben, sondern auch Recht zu behalten.

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325: Meinungen
Die meisten Menschen sind Nichts und gelten Nichts, bis sie sich in allgemeine Ueberzeugungen und öffentliche Meinungen eingekleidet haben, nach der Schneider-Philosophie: Kleider machen Leute. Von den Ausnahme-Menschen aber muss es aber heissen: e r s t   d e r   T r ä g e r   m a c h t   d i e   T r a c h t; hier hören die Meinungen auf, öffentlich zu sein, und werden etwas Anderes als Masken, Putz und Verkleidung.

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342: Allzuschönes und Menschliches
„Die Natur ist zu schön für dich armen Sterblichen“ — so empfindet man nicht selten: aber ein paarmal, bei einem innigen Anschauen alles Menschlichen, seiner Fülle, Kraft, Zartheit, Verflochtenheit, war es mir zu Muthe, als ob ich sagen müsste, in aller Demuth: „auch der  M e n s c h  ist zu schön für den betrachtenden Menschen!“ — und zwar nicht etwa nur der moralische Mensch, sondern jeder.

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376: Ketten-Denker
Einem, der viel gedacht hat, erscheint jeder neue Gedanke, den er hört oder liest, sofort in Gestalt einer Kette.

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377: Mitleid
In einer vergoldeten Scheide des Mitleides steckt mitunter der Dolch des Neides.

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386: Das fehlende Ohr
„Man gehört noch zum Pöbel, so lange man immer auf Andere die Schuld schiebt; man ist auf der Bahn der Weisheit, wenn man immer nur sich selber verantwortlich macht; aber der Weise findet Niemanden schuldig, weder sich noch Andere.“ — Wer sagt diess? — Epiktet, vor achtzehnhundert Jahren. — Man hat es gehört, aber vergessen. — Nein, man hat es nicht gehört und nicht vergessen: nicht jedes Ding vergisst sich. Aber man hatte das Ohr nicht dafür, das Ohr Epiktet's. — So hat er es also sich selber in's Ohr gesagt? — So ist es: Weisheit ist das Gezischel des Einsamen mit sich auf vollem Markte.

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400: Vortheil der Entbehrung
Wer immerdar in der Wärme und Fülle des Herzens und gleichsam in der Sommerluft der Seele lebt, kann sich jenes schauerliche Entzücken nicht vorstellen, welches winterlichere Naturen ergreift, die ausnahmsweise von den Strahlen der Liebe und dem lauen Anhauche eines sonnigen Februartages berührt werden;.

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Ein Teil aus 408:
Die Hadesfahrt. — Auch ich bin in der Unterwelt gewesen, wie Odysseus, und werde es noch öfter sein; und nicht nur Hammel habe ich geopfert, um mit einigen Todten reden zu können, sondern des eignen Bluts nicht geschont. Vier Paare waren es, welche sich mir, dem Opfernden, nicht versagten: Epikur und Montaigne, Goethe und Spinoza, Plato und Rousseau, Pascal und Schopenhauer. Mit diesen muss ich mich auseinandersetzen, wenn ich lange allein gewandert bin, von ihnen will ich mir Recht und Unrecht geben lassen, ihnen will ich zuhören, wenn sie sich dabei selber untereinander Recht und Unrecht geben. Was ich auch nur sage, beschliesse, für mich und andere ausdenke: auf jene Acht hefte ich die Augen und sehe die ihrigen auf mich geheftet.

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II, 2: Der Wanderer und sein Schatten

Der Schatten: Da ich dich so lange nicht reden hörte, so möchte ich dir eine Gelegenheit geben.
Der Wanderer: Er redrt — wo? und wer? Fast ist es mir, als hörte ich mich selber reden, nur mit noch schwächerer Stimme als die meine ist.
Der Schatten: (nach einer Weile): Freut es dich nicht, Gelegenheit zum Reden zu haben?
Der Wanderer:Bei Gott und allen Dingen, an die ich nicht glaube, mein Schatten redet; ich höre es, aber glaube es nicht.
Der Schatten: Nehmen wir es hin und denken wir nicht weiter darüber nach, in einer Stunde ist Alles vorbei.
Der Wanderer: Ganz so dachte ich, als ich in einem Walde bei Pisa erst zwei und dann fünf Kamele sah.
Der Schatten: Es ist gut, dass wir Beide auf gleiche Weise nachsichtig gegen uns sind, wenn einmal unsere Vernunft stille steht: so werden wir uns auch im Gespräche nicht ärgerlich werden und nicht gleich dem Andern Daumenschrauben anlegen, falls sein Wort uns einmal unverständlich klingt. Weiss man gerade nicht zu antworten, so genügt es schon, Etwas zu sagen: das ist die billige Bedingung, unter der ich mich mit Jemandem unterrede. Bei einem längeren Gespräche wird auch der Weiseste einmal zum Narren und dreimal zum Tropf.

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6: Die irdische Gebrechlichkeit und ihre Hauptursache
Man trifft, wenn man sich umsieht, immer auf Menschen, welche ihr Lebenlang Eier gegessen haben, ohne zu bemerken, dass die länglichten die wohlschmeckendsten sind, welche nicht wissen, dass ein Gewitter dem Unterleib förderlich ist, dass Wohlgerüche in kalter, klarer Luft am stärksten riechen, dass unser Geschmackssinn an verschiedenen Stellen des Mundes ungleich ist, dass jede Mahlzeit, bei der man gut spricht oder gut hört, dem Magen Nachteil bringt. Man mag mit diesen Beispielen für den Mangel an Beobachtungssinn nicht zufrieden sein, um so mehr möge man zugestehen, dass die  a l l e r n ä c h s t e n   D i n g e  von den meisten sehr schlecht gesehen, sehr selten beachtet werden. Und ist dies gleichgültig? — Man erwäge doch, dass aus diesem Mangel sich  f a s t   a l l e   l e i b l i c h e n   u n d   s e el i s c h e n   G e b r e c h e n  der einzelnen ableiten: nicht zu wissen, was uns förderlich, was uns schädlich ist, in der Einrichtung der Lebensweise, Verteilung des Tages, Zeit und Auswahl des Verkehres, in Beruf und Musse, Befehlen und Gehorchen, Natur- und Kunstempfinden, Essen, Schlafen und Nachdenken; im  K l e i n s t e n   u n d   A l l t ä g l i c h s t e n   u n w i s s e n d  zu sein und keine scharfen Augen zu haben — das ist es, was die Erde für so viele zu einer „Wiese des Unheils“ macht. Man sage nicht, es liege hier wie überall an der menschlichen  U n v e r n u nf t: vielmehr &— Vernunft genug und übergenug ist da, aber sie wird  f a l s c h   g e r i c h t e t  und  k ü n s t l i c h  von jenen kleinen und allernächsten Dingen  a b g e l e n k t. Priester und Lehrer, und die sublime Herrschsucht der Idealisten jeder Art, der gröberen und feineren, reden schon dem Kinde ein, es komme auf etwas ganz anderes an: auf das Heil der Seele den Staatsdienst, die Förderung der Wissenschaft oder auf Ansehen und Besitz, als die Mittel, der ganzen Menschheit Dienste zu erweisen, während das Bedürfnis des einzelnen, seine große und kleine Not innerhalb der vierundzwanzig Tagesstunden etwas Verächtliches oder Gleichgültiges sei. — Sokrates schon wehrte sich mit allen Kräften gegen diese hochmütige Vernachlässigung des Menschlichen zugunsten des Menschen und liebte es, mit einem Worte Homers, an den wirklichen Umkreis und Inbegriff alles Sorgens und Nachdenkens zu mahnen: das ist es und nur das, sagte er, „was mir zu Hause an Gutem und Schlimmem begegnet“.
[Trifft heute nicht mehr zu]

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Teil aus 7:
Epikur, der Seelen-Beschwichtiger des späteren Altertums, hatte jene wundervolle Einsicht, die heutzutage immer noch so selten zu finden ist, dass zur Beruhigung des Gemüts die Lösung der letzten und äußersten theoretischen Fragen gar nicht nötig sei. So genügte es ihm, solchen, welche „die Götterangst“ quälte, zu sagen: „wenn es Götter gibt, so bekümmern sie sich nicht um uns“, — anstatt über die letzte Frage, ob es Götter überhaupt gebe, unfruchtbar und aus der Ferne zu disputieren.

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13: Zweimal sagen
Es ist gut, eine Sache sofort doppelt auszudrücken und ihr einen rechten und einen linken Fuss zu geben. Auf Einem Bein kann die Wahrheit zwar stehen; mit zweien aber wird sie gehen und herumkommen.

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15: Bescheidenheit des Menschen
Wie wenig Lust genügt den Meisten, um das Leben gut zu finden, wie bescheiden ist der Mensch!

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Teil aus 22:
Der Räuber und der Mächtige, welcher einer Gemeinde verspricht, sie gegen den Räuber zu schützen, sind wahrscheinlich im Grunde ganz ähnliche Wesen, nur dass der zweite seinen Vortheil anders, als der erste erreicht: nämlich durch regelmässige Abgaben, welche die Gemeinde an ihn entrichtet, und nicht mehr durch Brandschatzungen.

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Teil aus 28:
Die meisten Verbrecher kommen zu ihren Strafen wie die Weiber zu ihren Kindern. [nämlich aus Gewohnheit]

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Teil aus 29:
Wo die Gleichheit wirklich durchgedrungen und dauern begründet ist, entsteht jener, im Ganzen als unmoralisch geltende Hang, der im Naturzustande kaum begreiflich wäre: der  N e i d. Der Neidische fühlt jenes Hervorragen des Anderen über das gemeinsame Maass und will ihn bis dahin herabdrücken — oder sich bis dorthin erheben.

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46: Kloaken der Seele
Auch die Seele muss ihre bestimmten Kloaken haben, wohin sie ihren Unrath abfliessen lässt: dazu dienen Personen, Verhältnisse, Stände oder das Vaterland oder die Welt oder endlich — für die ganz Hoffährtigen (ich meine unsere lieben modernen „Pessimisten“) — der liebe Gott.

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55: Gefahr der Sprache für die geistige Freiheit
Jedes Wort ist ein Vorurtheil.

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66: Was ist Wahrheit?
S c h w a r z e r t (Melanchthon): „Man predigt oft seinen Glauben, wenn man ihn gerade verloren hat und auf allen Gassen sucht, — und man predigt ihn dann nicht am schlechtesten!“ — L u t h e r: Du redest heut' wahr wie ein Engel, Bruder! — S c h w a r z e r t: „Aber es ist der Gedanke deiner Feinde, und sie machen auf dich die Nutzanwendung.« — L u t h e r: So war's eine Lüge aus des Teufels Hintern.

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Teil aus 86:
Zu ihm[Sokrates] führen die Strassen der verschiedensten philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude am Leben und am eignem Selbst gerichtet.

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89: Auf den Gang Acht geben
Der Gang der Sätze zeigt, ob der Autor ermüdet ist; der einzelne Ausdruck kann dessenungeachtet immer noch stark und gut sein, weil er für sich und früher gefunden wurde: damals als der Gedanke dem Autor zuerst aufleuchtete. So ist es häufig bei Goethe, der zu oft dictirte, wenn er müde war.

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Teil aus 92:
„Also“ soll bei ihnen[arrogante Vielwisser und Wirrköpfe] heissen, „du Esel von Leser, für dich gibt es diess „also“ nicht, — wohl aber für mich“ — worauf die Antwort lautet: „du Esel von Schreiber, wozu schreibst du denn?“

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Teil aus 110:
Die Kunst, zu schreiben, verlangt vor Allem  E r s a t z m i t t e l  für die Ausdrucksarten, welche nur der Redende hat: also für Gebärden, Accente, Töne, Blicke. Desshalb ist der Schreibstil ein ganz anderer, als der Sprechstil, und etwas viel Schwierigeres.

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121: Gelöbniss
Ich will keinen Autor mehr lesen, dem man anmerkt, er wollte ein Buch machen: sondern nur jene, deren Gedanken unversehens ein Buch wurden.

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133: Schlechte Bücher
Das Buch soll nach Feder, Tinte und Schreibtisch verlangen: aber gewöhnlich verlangen Feder, Tinte und Schreibtisch nach dem Buche. Desshalb ist es jetzt so wenig mit Büchern.

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145: Gegen Bilder und Gleichnisse
Mit Bildern und Gleichnissen überzeugt man, aber beweist nicht. Desshalb hat man innerhalb der Wissenschaft eine solche Scheu vor Bildern und Gleichnissen; man will hier gerade das Ueberzeugende, das  G l a u b l i c h - Machende   n i c h t  und fordert vielmehr das kälteste Misstrauen auch schon durch die Ausdrucksweise und die kalhen Wände heraus: weil das Misstrauen der Prüfstein für das Gold der Gewissheit ist.

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172: Anerkennung des Talents
Als ich durch das Dorf S. gieng, fieng ein Knabe aus Leibeskräften an, mit der Peitsche zu knallen, — er hatte es schon weit in dieser Kunst gebracht und wusste es. Ich warf ihm einen Blick der Anerkennung zu, — im Grunde that mir's  b i t t e r   w e h e. — So machen wir es bei der Anerkennung vieler Talente. Wir thun ihnen wohl, wenn sie uns wehe thun.

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Teil aus 187:
Je voller und tüchtiger man lebt, um so schneller ist man bereit, das Leben für eine einzige gute Empfindung dahin zu geben.

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206: Die Absichten vergessen
Man vergisst über der Reise gemeinhin deren Ziel. Fast jeder Beruf wird als Mittel zu einem Zwecke gewählt und gewonnen, aber als letzter Zweck fortgeführt. Das Vergessen der Absichten ist die häufigste Dummheit, die gemacht wird.

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Teil aus 209:
Armer Entstellter, Ueberbürdeter, hundertfach Gefesselter, [...]! Wenn du irgendwo öffentlich erscheinst, — so wissen wir, dass es eine Art Spiessruthenlaufen ist, unter lauter Blicken, welche für dich nur kalten Hass oder Zudringlichkeit oder schweigsamen Spott haben.

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Teil aus 213:
D e r   A l t e: Freund! Freund! Auch deine Worte sind die des Fanatikers!
P y r r h o n: Du hast Recht! Ich will gegen alle Worte misstrauisch sein.
D e r   A l t e: Dann wirst du schweigen müssen.
P y r r h o n:Ich werde den Menschen sagen, dass ich schweigen muss und dass sie meinem Schweigen misstrauen sollen.
D e r   A l t e: Du trittst also von deinem Unternehmen zurück?
P y r r h o n: Vielmehr, — du hast mir eben das Thor gezeigt, durch welches ich gehen muss.
D e r   A l t e: Ich weiss nicht —: verstehen wir uns jetzt noch völlig?
P y r r h o n: Wahrscheinlich nicht.
D e r   A l t e: Wenn du dich nur selber völlig verstehst!
P y r r h o n   dreht sich um und lacht.
D e r   A l t e: Ach Freund! Schweigen und Lachen, — ist das jetzt deine ganze Philosophie?
P y r r h o n: Es wäre nicht die schlechteste.

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Teil aus 214:
Gedanken von der Art, welche Gedanken macht, und die — ich bin in Verlegenheit zu Ende zu definiren; genug dass es[Montaigne, Larochefoucauld, Labruyere, Fontenelle, Vauvenargues, Champfort] mir Autoren zu sein scheinen, welche weder für Kinder noch für Schwärmer geschrieben haben, weder für Jungfrauen noch für Christen, weder für Deutsche noch für — ich bin wieder in Verlegenheit, meine Liste zu schliessen. — Um aber ein deutliches Lob zu sagen: sie wären, griechisch geschrieben, auch von Griechen verstanden worden.

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217: Classisch und romantisch
Sowohl die classisch als auch die romantisch gesinnten Geister — wie es diese beiden Gattungen immer giebt — tragen sich mit einer Vision der Zukunft: aber die ersteren aus einer  S t ä r k e   ihrer Zeit heraus, die letzteren aus deren  S c h w ä c h e.

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Teil aus 241:
Aber die Menschen wissen ein Gespräch nicht zu benutzen; sie verwenden bei Weitem zu viel Aufmerksamkeit auf Das, was sie sagen und entgegnen wollen, während der wirkliche  H ö r e r  sich oft begnügt, vorläufig zu antworten und Etwas als Abschlagszahlung der Höflichkeit überhaupt zu  s a g e n, dagegen mit seinem hinterhaltigen Gedächtnisse Alles davonträgt, was der Andere geäussert hat, nebst der Art in Ton und Gebärde, w i e   er es äusserte.

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263: Weg zur Gleichheit
Einige Stunden Bergsteigens machen aus einem Schuft und einem Heiligen zwei ziemlich gleiche Geschöpfe. Die Ermüdung ist der kürzeste Weg zur  G l e i c h h e i t  und  B r ü d e r l i c h k e i t — und die  F r e i h e i t  wird endlich durch den Schlaf hinzugegeben.

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302: Wie man schlechte Argumente zu verbessern sucht
Mancher wirft seinen schlechten Argumenten noch ein Stück seiner Persönlichkeit hinten nach, wie also b jene dadurch richtiger ihre Bahn laufen würden und sich in gerade und gute Argumente verwandeln liessen; ganz wie die Kegelschieber auch nach dem Wurfe noch mit Gebärden und Schwenkungen der Kugel die Richtung zu geben suchen.

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303: Die Rechtlichkeit
Es ist noch wenig, wenn man in Bezug auf das Rechte und Eigenthum ein Muster-Mensch ist; wenn man zum Beispiel als Knabe nie Obst in fremden Gärten nimmt, als Mann nicht über ungemähte Wiesen läuft, — um kleine Dinge zu nennen, welche, wie bekannt, den Beweis für diese Art von Musterhaftigkeit besser geben, als grosse. Es ist noch wenig: man ist dann imer erst eine „juristische Person“, mit jenem Grad von Moralität, deren sogar eine „Gesellschaft“, ein Menschen-Klumpen fähig ist.

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325: Das beste Heilmittel
Etwas Gesundheit ab und zu ist das beste Heilmittel des Kranken.

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348: Woran die Weisheit zu messen ist
Der Zuwachs an Weisheit lässt sich genau nach der Abnahme an Galle bemessen.

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Der Wanderer: Und könnte ich dir nicht in aller Geschwindigkeit noch Etwas zu Liebe tun? Hast du keinen Wunsch?
Der Schatten: Keinen, ausser etwa den Wunsch, welchen der philosophische „Hund“ vor dem grossen Alexander hatte: gehe mir ein Wenig aus der Sonne, es wird mir kalt.
Der Wanderer: Was soll ich thun?
Der Schatten: Tritt unter diese Fichten und schaue dich nach den Bergen um; die Sonne sinkt.
Der Wanderer: — Wo bist du? Wo bist du?

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