Literaturbrevier

Novalis: Blüthenstaub. / Vermischte Bemerkungen.

Humor ist eine willkührlich angenommene Manier.

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Wo Fantasie und Urtheilskraft sich berühren entsteht Witz — Woe sich Vernunft und Willkühr paaren — Humor. Persifflage gehört zum Humor, ist aber um einen Grad geringer — Sie ist nicht mehr rein artistisch — und viel beschränckter. In heitern Seelen giebts keinen Witz. Witz zeigt ein gestörtes Gleichgewicht an — Er ist die Folge der Störung, und zugleich das Mittel der Herstellung. Den stärcksten Witz hat die Leidenschaft.

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Das Unbedeutende, Gemeine, Rohe, Häßliche, Ungesittete wird durch Witz allein, Gesellschaftsf¨hig. Es ist gleichsam nur um des witzes willen — Seine Zweckbestimmung ist der Witz.

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Geistvoll ist das worinn sich der Geist unaufhörlich offenbart.

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Jeder geliebte Gegenstand ist der Mittelpunkt eines Paradieses.

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Je verworrner ein Mensch ist / man nennt die Verworrenen Dummköpfe / desto mehr kann man durch fleißiges Selbststudium aus ihm werden — dahingegen die geordneten Köpfe trachten müssen wahre Gelehrte — gründliche Encyklopaedisten zu werden. Die Verworrnen haben im Anfang mit mächtigen Hindernissen zu kämpfen — Sie dringen nur langsam ein — Sie lernen mit Mühe arbeiten — dann aber sind sie auch Herrn und Meister auf immer. Der Geordnete kommt geschwind hinein — aber auch geschwind heraus — Er erreicht bald die 2te Stufe — aber da bleibt er auch gewöhnlich stehn. Ihm werden die lezten Schritte beschwerlich, und selten kann er es über sich gewinnen [...].
Verworrenheit deutet auf Überfluß an Kraft und Vermögen — aber mangelhafte Verhältnisse — Bestimmtheit — auf richtige Verhältnisse, aber sparmes Vermögen und Kraft.
Daher ist der Verworrne so progressiv — so perfektibel — dahingegen der Ordentliche, so früh, als Philister aufhört.
Ordnung und Bestimmtheit ist allein nicht Deutlichkeit. Durch Selbstbearbeitung kommt der Verworrene zu jener himmlischen Durchsichtigkeit — zu jener Selbsterleuchtung — die der Geordnete so selten erreicht.
Das wahre Genie verbindet diese Extreme.

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Der wahre Brief ist seiner Natur nach poetisch.

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Der Deutsche ist lange das Hänschen gewesen. Er dürfte aber wohl bald der Hans aller Hänse werden. Es geht ihm, wie es vielen dummen Kindern gehn soll: er wird leben und klug seyn, wenn seine frühklugen Geschwinster längst vermodert sind, und er nun allein Haus im Herr ist.

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Das Beste, was die Franzosen in der Revoluzion gewonnen haben, ist eine Porzion Deutschheit.

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Eine Übersetzung ist entweder grammatisch, oder verändern, oder mythisch. Mythische Übersetzungen sind Übersetzungen im höchsten Styl. Sie stellen den reinen, vollendeten Karakter des individuellen Kunstwerks dar. [...]
Grammatische Übersetzungen sind die Übersetzungen im gewöhnlichen Sinn. Sie erfordern sehr viel Gelehrsamkeit, aber nur diskursive Fähigkeiten.
Zu den verändernden Übersetzungen gehört, wenn sie ächt seyn sollen, der höchste poetische Geist. Sie fallen leicht ins Travestieren, wie Bürgers Homer in Jamben, Popens Homer, die Französischen Übersetzungen insgesamt. [...]
Nicht bloß Bücher, alles kann auf diese drey Arten übersetzt werden.

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Im höchsten Schmerz tritt zuweilen eine Paralysis der Empfindsamkeit ein. Die Seele zersetzt sich. Daher der tödtliche Frost, die freye Denkkraft, der schmetternde unaufhörliche Witz dieser Art von Verzweiflung. Keine Neigung ist mehr vorhanden; der Mensch steht wie eine verderbliche Macht allein. Unverbunden mit der übrigen Welt verzehrt er sich allmählig selbst, und ist seinem Princip nach Misanthrop und Misotheos.

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Den höchsten Grad seines poetischen Daseyns erreicht der Philister bey einer Reise, Hochzeit, Kindtaufe, und in der Kirche. Hier werden seine kühnsten Wünsche befriedigt, und oft übertroffen.
Ihre sogenannte Religion wirkt blos, wie ein Opiat: reizend, betäubend, Schmerzen aus Schwäche stillend.

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Ein Gesetz ist seinem Begriffe nach, wirksam. Ein unwirksames Gesetz ist kein Gesetz.

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Jede spezifische Inzitation verräth einen spezifischen Sinn.

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Sollte nicht die Distanz einer besondern Wissenschaft von der allgemeinen, und so der Rang der Wissenschaften untereinander, nach der Zahl ihrer Grundsätze zu rechnen seyn? Je weniger Grundsätze, desto höher die Wissenschaft.

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So erforderte die Idee eines Augenblicks oft ungeheure Organe, ungeheure Massen von Materien, und der Mensch sit also, wo nicht actu, doch potentia Schöpfer.

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Je unwissender man vom Natur ist, desto mehr Kapazität für das Wissen. Jede neue Erkenntniß macht einen viel tiefern, lebendigern Eindruck. Man bemerkt dieses deutlich beym Eintritt in eine Wissenschaft. Daher verliert man durch zu vieles Studiren an Kapazität. Es ist eine der ersten Unwissenheit entgegengesetzte Unwissenheit. Jene ist Unwissenheit aus Mangel, diese aus Überfluß der Erkenntnisse. Letztere pflegt die Symptome des Skeptizismus zu haben. Es ist aber ein unächter Skeptizismus, aus indirekter Schwäche unsers Erkenntnißvermögens. Man ist nicht im Stande die Masse zu durchdringen, und sie in bestimmter Gestalt vollkommen zu beleben: die plastische Kraft reicht nicht zu. So wird der Erfindungsgeist junger Köpfe und der Schwärmer, so wie der glückliche Griff des geistvollen Anfängers oder Layen leicht erklärbar.

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Welten bauen genügt dem tiefer dringenden Sinn nicht:
Aber ein liebendes Herz sättigt den strebenden Geist.

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Wir stehen in Verhältnissen mit allen Theilen des Universums, so wie mit Zukunft und Vorzeit. Es hängt nur von der Richtung und Dauer unsrer Aufmerksamkeit ab, welches Verhältniß wir vorzüglich ausbilden wollen, welches für uns vorzüglich wichtig, und wirksam werden soll.

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Der Geschichtschreiber organisirt historische Wesen. Die Data der Geschichte sind die Masse, der der Geschichtschreiber Form giebt, durch Belebung. Mithin steht auch die Geschichter unter den Grundsätzen der Belebung und Organisazion überhaupt, und bevor nicht diese Grundsätze da sind, giebt es auch keine ächten historischen Kunstgebilde, sondern nichts als hie und da Spuren zufälliger Belebungen, wo unwillkührliches Genie gewaltet hat.

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Ein Verbrecher kann sich über Unrecht nicht beklagen, wenn man ihn hart und unmenschlich behandelt. Sein Verbrechen war ein Eintritt ins Reich der Gewalt, der Tyranney. Maß und Proporzion giebt es nicht in dieser Welt, daher darf ihn die Unverhältnißmäßigkeit der Gegenwirkung nicht befremden. [X]

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Manche Bücher sind länger als sie scheinen. Sie haben in der That kein Ende. Die Langeweile, die sie erregen, ist wahrhaft absolut und unendlich.

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Recensenten sind litterärische Politzeybeamten. Ärzte gehören zu den Politzeybeamten. Daher sollte es kritische Journale geben, die die Autoren kunstmäßig medicinisch und chirurgisch behandelten, und nicht blos die Kranckheit aufspürten, und mit Schadenfreude bekannt machten. Die bisherigen Kurmethoden waren größtentheils barbarisch.
Ächte Politzey ist nicht blos defensiv und polemisch gegen das vorhandne Übel — sondern sie sucht die kränckliche Anlage zu verbessern.

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Die Vorstellungen der Zukunft treiben uns zum Beleben, zum Verkürzen, zur assimilirenden Wirksamkeit. Daher ist alle Erinnerung wehmüthig, alle Ahndung freudig. Jene mäßigt die allzugroße Lebhaftigkeit, diese erhebt ein zu schwaches Leben.

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