Literaturbrevier

Novalis: Heinrich von Ofterdingen

das kann und wird keiner verstehen.

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Denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab ich damals nie gehört.

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Unendlich ist die jugendliche Trauer bei dieser ersten Erfahrung der Vergänglichkeit.

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Aber welches köstliche Gewächs blüht ihm auch in diesen schauerlichen Tiefen.

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Ein jeder wird leicht an sich bemerken, daß er nur dasjenige deutlich und vollkommen beschreiben kann, was er genau kennt, dessen Teile, dessen Entstehung und Folge, dessen Zweck und Gebrauch ihm gegenwärtig sind: denn sonst wird keine Beschreibung, sondern ein verwirrtes Gemisch von unvollständigen Bemerkungen entstehn.

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Es ist mehr Wahrheit in ihren Märchen, als in gelehrten Chroniken.

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In der Nähe des Dichters bricht die Poesie überall aus.

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Man betrachte nur die Liebe. Nirgends wird wohl die Notwendigkeit der Poesie zum Bestand der Menschheit so klar, als in ihr. Die Liebe ist stumm, nur die Poesie kann für sie sprechen.

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Die Erinnerung ist der sicherste Grund der Liebe.

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Oft fühl ich jetzt, wie mein Vaterland meine frühsten Gedanken mit unvergänglichen Farben angehaucht hat, und sein Bild eine seltsame Andeutung meines Gemüts geworden ist, die ich immer mehr errate, je tiefer ich einsehe, daß Schicksal und Gemüt Namen Eines Begriffs sind.

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[...] und er war wieder zum Knaben geworden. Die stille Glut seines Gesichts war in das tändelnde Feuer eines Irrlichts, der heilige Ernst in verstellte Schalkheit, die bedeutende Ruhe in kindische Unstetigkeit, der edle Anstand in drollige Beweglichkeit verwandelt.

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»Wo gehen wir denn hin?«
»Immer nach Hause.«

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Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurückbegeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.

[Das ist dann die Romantik]

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Religioese Nothwendigkeit des Teufels.
(aus dem Paralipomena)

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Dem Dichter: [...] Bekanntschaft mit vielartigen Menschen
(ja, dem Dichter, im Sinne Novalis', und andern Leuten nicht)
(aus dem Paralipomena)

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Eignes Arbeiten bildet in der That mehr, als widerholtes Lesen. Beym Selbstangriff findet man erst die eigentlichen Schwierigkeiten und lernt die Kunst schätzen. Der bloße Liebhaber wird nothwendig unendlich viel übersehn, und nur das Gemüth des Werks allenfalls richtig beurtheilen können.
(aus dem Paralipomena; Brief an Ludwig Tieck, Den 5ten April. [1800])

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