Literaturbrevier

Ferdinand Raimund: Der Alpenkönig und der Menschenfeind

MALCHEN. Entsetzlich, meine Locken, wenn jetzt August kömmt und mich so erblickt. Das überleb ich nicht. [...] (Besinnt sich.) Aber pfui, Malchen, was ist das für eine Eitelkeit, August wird dich doch nicht deiner Locken wegen lieben? (Ärgerlich.) Aber die Locken tragen dazu bei, wenn die Männer nun einmal so sind, was kann denn ich dafür?

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MALCHEN. Hier[in der Einsamkeit] liest er nun unaufhörlich philosophische Bücher, die ihm den Kopf verrücken.

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LISCHEN [das Kammermädchen] (äußerst zornig). Nein, das ist nicht zum Aushalten, das Haus ist ja eine wahre Folterbank. Wie man nur die Dienstleute so herabsetzen kann?

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HABAKUK (Boshaft). Gschieht Ihr schon recht, Mamsell Liserl!
LISCHEN. O Er erbärmlicher Wicht! Er vierdient gar nicht, daß sich ein Stubenmädchen von meiner Qualität mit Ihm unter einem Dache befindet.

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HABAKUK. Oh, prahlen Sie nicht so mit Ihrer Stubenmädelschaft, Sie haben auch die Stubenmädlerei nicht erfunden. Ich versichere Sie, ich war zwei Jahr in Paris, da gibt es Stubenmädel — wenn man die ins Deutsche übersetzen könnt, das gäbet eine Stubenmädliade, wo sich die ganze hiesige Kammerjungferschaft verstecken müßt.

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RAPPELKOPF. Und statt daß man mich bedauert,
Wird auf meinen Tod gelauert.

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RAPPELKOPF. (erblickt sich in den Spiegel.)
Pfui! das häßliche Gesicht,
Ich ertrag es länger nicht.
(Zerschlägt den Spiegel mit geballter Faust.)

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RAPPELKOPF. Nun? Ihr Esel, ihr vier Wände,
Die ich hasse ohne Ende,
Warum schaut ihr mich so an?

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RAPPELKOPF. Was will die Frau, da, für die Keischen? Ich kauf s'. Wenn s' noch so teuer ist.
MARTHE. Ah, Euer Gnaden machen nur einen Spaß. Was wollten S' denn mit der miserablichen Hütten da?
RAPPELKOPF. Das geht Sie nichts an. Hat Sie genug an zweihundert Dukaten?
MARTHE. O mein, Euer Gnaden! So viel Geld kanns ja gar nicht geben auf der Welt, da wären wir ja versorgt auf unser Lebtag.

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ASTRAGALUS. Und warum hassest du die Welt?
RAPPELKOPF. Weil ich hab bline Mäusl gespielt mit ihr, die Treue hab erhaschen wollen und den Betrug erwischt, der mir die Binde von den Augen nahm.
ASTRAGALUS. Dann mußt du auch dem Welt entfliehen, weil er mißgestaltete Bäume hegt, die Erde meiden, weil sie giftige Kräuter zeigt, des Himmels Blau bezweifeln, weil es Wolken oft verhüllen, wenn du den Teil willst für das Ganze nehmen.

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SILBERKERN (schreit). Hört mich denn niemand?
ECHO. Niemand — (Entfernter.) Niemand — Niemand — Nieman —

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LISCHEN.
   Ach, die Welt ist gar so freundlich
   Und das Leben ist so schön.
   Darum soll der Mensch nicht feindlich
   Seinem Glück entgegenstehn.

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HABAKUK. Die gnädige Frau laßt fragen, ob sie noch nicht herüberkommen darf.
ASTRAGALUS[in Gestalt Rappelkopfs verkleidet]. Nein.
HABAKUK. Sie weint aber so abscheulich.
ASTRAGALUS. So soll sie schöner weinen, hahaha, oder ich fang zum lachen an.
HABAKUK. Wenn sie aber krank wird?
ASTRAGALUS. Die Gicht in ihren Leib! Und ins Spital mit ihr!
RAPPELKOPF (beiseite). Das ist ein kurioser Humor.

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ASTRAGALUS[wie oben]. Eh steht mein Tor hungrigen Wölfen offen, eh laß ich Raben unter meinem Dache nisten, eh will ich giftige Schlangen an dem Busen nähren, eh laß ich alle Seuchen hier im Hause wüten und will die Pest zu meinem Tische laden, eh ich nur Ihrer Lunge einen Atemzug in meinem Schß erlaube.

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Auch aus demselben Werk: Arie
und: Schlußgesang

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