Literaturbrevier

Fritz Reuter: Ein gräflicher Geburtstag

'Gedichte eines Bauernjungen.' An seinen Schulmeister.
 
Sowie die Sonn' am Firament
Den Bauern auf die Pelze brennt,
So bist Du liebes Schulmeisterlein,
Ein allerliebstes Mannelein.
 
Ein poetischer Vergleich, der vielleicht noch vieles zu wünschen, aber nichts zu hoffen übrig läßt.

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Ein Jäger und sein Hund
Verfolgten einen Hasen, und
Wollten ihn greifen, aber
Der Has' lief in den Haber.

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Jetzt begann nun der dritte und letzte Act, das Wettschwimmen; er wurde ebenfalls mit Kanonendonnner introducirt. Ein übelgesinnter Spaßvogel neben mir meinte, dies ewige Kanoniren komme ihm vor wie der Titel des Shakespeare'schen Dramas „Viel Lärm um Nichts.“

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Da dies zwei Fragen waren, die vieles pro et contra hatten und solche Fragen mich regelmäßig in eine unauflösliche Verwirrung und demnächst in einen Halbschlummer stürzten, so geschah dies auch heute. Das Schnarchen meiner Gefährten, das jeweilige Einnicken des Fuhrmanns, der träge Schritt der müden Ackergäule, das Mahlen der Räder im Sande, das ewig in gleicher Melodie und bei jeder Umdrehung um seine Achse sich wiederholende Gekreisch des einen sauren Rades, dem meine Phantasie die Worte 'Gefühl, rege Dich' als Text gab, alles dies vereinigte sich, um mich vollständig in den Schlaf zu bringen. Es war das erstemal in meinem Leben, daß ich auf einem Wagen in den Schlaf kam; aber lieber Leser, denke Dir auch nur die Worte 'Gefühl, rege Dich' einige tausendmal von einem sauren Rad vorgesungen und Du wirst zugeben, daß man davon zuerst in ein heftiges Kopfweh und dann in einen betäubenden Schlummer verfallen muß.

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Plötzlich durch einen Ruck und ein nachfolgendes Gekrach und Geprassel erwachte ich; erschrocken blickt ich nach hinten und sah zu meinem größten Erstaunen da, wo früher meine beiden Gefährten der Ruhen gepflegt hatten, zwei Paar Beine in die Luft starren, die alsbald auf die abenteuerlichste Weise zu manövrieren anfingen. „Halt, Kutscher, Halt!“ quiekte Fischer. „Halt, Kutscher, Halt!“ brüllte Meier. Die hinteren Riemen ihrer Bank waren gerissen, beide waren dem Gesetze der Schwere gefolgt und lagen nun da, wie ein paar mediasirte Fürsten auf dem Wiener Congress, Jeder sich auf Kosten des Andern auf die Beine zu bringen suchend.

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Am folgenden Morgen stieg Phoebus u.s.w., goldenen Wagen u.s.w., rosenfing'rige Eos u.s.w., schwamm das Silbergewölk hin! u.s.w. Kurz es war ein prächtiger leuchtender Tag und die Sonne schien über ganz Land Mecklenburg und hoffentlich und allem Anscheine nach auch über Pommerland und die Ukermark; denn wir sind nicht solche Egoisten, wie die Unterthanen derer von Reuß-Greiz-Schleiz und Lobenstein, die nur für sich selbst sorgen und vor etlichen 20 Jahren noch beteten:
 
Herr Gott! Gieb Regen und Sonnenschein
Für Reuß-Greiz-Schleiz und Lobenstein,
Und woll'n die anderen auch was haben,
So können sie Dir das selber sagen.

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Baarfüßig und baarhäuptig glichen sie der Ewigkeit, sie hatten keinen Anfang und kein Ende.

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Der Jude, der sich in eine Christin verliebt hat, läßt sich ohne weiters taufen — freilich kommt einem so 'n Kerl dann vor, wie das weiße Blatt zwischen dem alten und dem neuen Testament — [...].

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...während Fischer fortfuhr, seine alles Ehrwürdige, sogar das Lehnrecht umstoßende Reden zu führen; ich aber suchte in meinem Herzen diese Reden durch dicke Censurstriche auszulöschen, um nur nicht aller Ehrfurcht vor dem recipirten Adel und seinen Jungfrauen-Klöstern verlustig zu gehen. Mit großer Heftigkeit bestritt dieser Fischer namentlich meine Ansicht, daß sich gewisse körperliche Vorzüge, wie kurze Ohren, kleine Hände, angeborene Epaulettes u.s.w. beim Adel ausgebildet hätten; er führte mehrere leider nicht wegzuleugnende Beispiele von ganz gewöhnlichen, ja sogar von außergewöhnlich langen Ohren bei dieser Menschenrace an, welches letztere Phänomen vorzüglich bei einer großen Steifigkeit des Genicks anzutreffen sei.

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„Du scheinst Dir in Deiner Einfalt,“ fuhr Fischer warm und grob werdend fort, „die Sache so zu denken, daß, gleich wie man einen Deutschen, der nach Texas auswandert, immer als einen solchen erkennen wird, so müsse man auch einen Adeligen, der, wie die Freimaurer sagen, gedeckt hat und sich meinetwegen Herr Fischer nennt, doch immer unter den Bürgerlichen, wie ein Merino unter den Schmierschafen, herausfinden können. Das ist eine ungeheure Simpelei von Dir.

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Gieße nicht unreines Wasser weg, bevor du reines hast.

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Der zweite Akt des ersten Stücks bestand in einem Syrups-Semmel-Vergnügen. Es waren Semmel ausgehöhlt, mit Syrup gefüllt und an Fäden aufgehangen. Die Aufgabe der Jungen war nun, sich ohne den Gebrauch der Hände diese Semmeln, die etwas höher hingen, als sie selber waren, samt ihrem süßen Inhalt zu Nutzen zu machen. Wie viele starr auf die süßen Schätze gerichtete Augen, wie viele offene und hoffende Mäuler waren hier zu schauen! Welche Anstrengungen! Welches Schnappen und Lecken! Hatte einer das große Glück, das Ende der Semmel zu durchschnappen, und träufelte auf sein dankbar verklärtes Gesicht der Segen des süßen Syrups hernieder, so stürzten seine Nachbarn auf ihn los und es begann ein Küssen und Lecken auf seinem Antlitz; die Zungen verwirrten sich bei diesem Geschäft, wie bei der babylonischen Sprachverwirrung, und alles löste sich endlich in die Sprache der Hottentotten auf, die bekanntlich größtenteils aus Schmatzen und Schnalzen besteht.

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Doch malen wir dies nicht weiter aus, denn ein weiserer Mann, als ich, hat schon den Satz aufgestellt, daß alle Affekte der menschlichen Natur einer poetischen Auffassung fähig wären, nur nicht der Ekel.

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Er begann alsbald mit einer wahrhaft erbärmlichen Stimme, die einer Nachtwächter-Knarre auf ein Haar glich, höchst erbärmliche Fiblverse abzusingen. Mit dem A anfangend, sang er den uralten Vers:
 
Der Affe gar possirlich ist,
Zumal wenn er vom Apfel frißt,
 
und schloß denselben mit einem Refrain, der mir das Trommelfell zu zersprengen drohte und auf Deutsch lautet:
 
Schnetterdeng, deng, deng, Schnetterdeng.
 
Darauf fuhr er fort, den Vers für B und C zu singen; beim G sang er:
 
Der Gard'officier sich schnüret ein,
Der Gimpel ist ein Vögelein u.s.w.
 
Beim H aber stockte er und konnte sich nicht auf einen dazu passenden Vers besinnen; er mußte endlich davon abstehen, in der Reihenfolge zu bleiben, und sang nun sein schreckliches Charivari ohne alphabetische Ordnung zu Ende; doch schien er sich noch immerfort mit dem Vers für das H zu quälen. Endlich kamen wir vor seiner Behausung an und unsere Wege trennten sich. Als ich um die nächste Ecke bog, ruft der Fischer noch hinter mich her: “Du! höre! nun weiß ich den Vers für das H! [...] Nein! Du mußt ihn hören:
 
Wenn die Henne kräht und es schweigt der Hahn,
Dann ist das Haus gar übel dran!
Schnetterdeng, deng, deng, Schnetterdeng!“

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