Literaturbrevier

Ferdinand von Saar: Tambi

»An die Leine!«, rief er[Bacher] empört. »Ein Geschöpf, das zu unbehindertem Lauf geschaffen ist, dessen Natur und Instinkt es antreiben, Wald und Flur zu durchstreifen, an die Leine! [...] Bei jedem Schritte mit ansehen zu müssen, dass er vor-und seitwärts springen möchte — fühlen zu müssen, wie er fast bis zur Selbsterdrosselung an der kettenden Schnur zerrt — Nein! Nein!«

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[Meine Mutter] wollte mich immer an mir modeln, ändern und umgestalten. Freilich nicht mit Härte und Strenge, wie mein Vater, dessen ich mich nur noch dunkel entsinne — oder mit Spott und Hohn, wie die Welt: nein, mit jener zweifelnden Angst und Vorsicht, mit jener schmerzlichen Zärtlichkeit, die der verschwiegenste und doch lauteste Vorwurf ist.

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Und sehen Sie — das ist es: ich war nie im Leben jemandem recht. Jeder wollte mich als einen anderen sehen; jeder wollte mir raten, mich auf neue Bahnen zu lenken, und da es nicht anging, so hassten mich zuletzt alle.

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Sie konnten Tambi in der Tat nicht beständig und zu jeder Zeit an der Leine führen. Ein einziger unbewachter Augenblick hätte monatelange Vorsicht zunichte machen und das Unglück herbeiführen können.

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