Literaturbrevier

Friedrich Schiller: Die Räuber

FRANZ. Warum musste sie mir diese Bürde von Hässlichkeit aufladen? Gerade mir? Nicht anders, als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte. Warum mir die Lappländernase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen und mich daraus gebacken.

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FRANZ. Als wenn dieser Aktus etwas mehr wäre als viehischer Prozess zur Stillung viehischer Begierden!

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SPIEGELBERG (schüttelt den Kopf). Nein! nein! nein! das kann nicht sein. Unmöglich, Bruder, das kann dein Ernst nicht sein.

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SPIEGELBERG. Der Mut wächst mit der Gefahr.

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SPIEGELBERG. Ich glaube gar, du setzest ein Misstrauen in mich. Wart, lass mich erst warm werden; du sollst Wunder sehen, dein Gehirnchen soll sich im Schädel umdrehen, wenn mein kreißender Witz in die Wochen kommt.

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SCHWARZ. Was treibt denn der Spiegelberg?
GRIMM. Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beim Sankt-Veits-Tanz[eine Nervenkrankheit].

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ROLLER (nimmt den Brief von der Erde und liest). »Unglücklicher Bruder!« Der Anfang klingt lustig. »Nur kürzlich muss ich dir melden, dass deine Hoffnung vereitelt ist — du sollst hingehen, lässt dir der Vater sagen, wohin dich deine Schandtaten führen. Auch, sagt er, werdest du dir keine Hoffnung machen, jemals Gnade zu seinen Füßen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig sein wollest, im untersten Gewölb seiner Türme mit Wasser und Brot so lang traktiert[mit etw. Unangenehmen auf jmdn., auf etw. einwirken] zu werden, bis deine Haare wachsen wie Adlersfedern und deine Nägel wie Vogelsklauen werden. Das sind seine eigene Worte. Er befiehlt mir, den Brief zu schließen. Leb wohl auf ewig. Ich bedaure dich — Franz von Moor.«
SCHWEIZER. Ein zuckersüßes Brüderchen! In der Tat — Franz heißt die Kanaille?

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SPIEGELBERG. Zu Helden, sag ich dir, zu Freiherrn, zu Fürsten, zu Göttern wird's euch machen!

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ROLLER. Auch die Freiheit muss ihren Herrn haben.

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MOOR. Es ist unglaublich, es ist ein Traum, eine Täuschung — So eine rührende Bitte, so eine lebendige Schilderung des Elends und der zerfließenden Reue — die wilde Bestie wär in Mitleid zerschmolzen! Steine hätten Tränen vergossen, und doch — man würde es für ein boshaftes Pasquill[anonyme Schreck- oder Spottschrift] aufs Menschnegeschlecht halten, wenn ich's aussagen wollte — und doch, doch — oh, dass ich durch die ganze Natur das Horn des Aufruhrs blasen könnte, Luft, Erde und Meer wider das Hyänengezücht ins Treffen zu führen!

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FRANZ. Nicht wahr, Amalia, nicht die Kostbarkeit des Diamants, nicht die Kunst des Gepräges — die Liebe macht seinen Wert aus.

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AMALIA. Geh, sag ich. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben abgezogen!

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FRANZ VON MOOR. Das Leben eines Alten ist doch eine Ewigkeit!

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FRANZ. Nun sollt ihr den nackten Franz sehen, und euch entsetzen!

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SPIEGELBERG. Einen honetten Mann kann man aus jedem Weidenstotzen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Grütz[Verstand].

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MOOR. Diebe können nicht fallen, wie Helden fallen. Das Leben ist den Dieben Gewinn, dann kommt was Schröckliches nach - Diebe haben das Recht, vor dem Tode zu zittern.

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MOOR. (sich losreißend, freudig) Itzt sind wir frei — Kameraden! Ich fühle eine Armee in meiner Faust!

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KOSINSKY. Ich weiß, was du sagen willst — ich bin vierundzwanzig Jahr alt, aber ich habe Degen blinken gesehen, und Kugeln um mich surren gehört.
MOOR. So, junger Herr? — und hast du dein Fechten nur darum gelernt, arme Reisende um einen Reichstaler niederzustoßen, oder Weiber hinterrücks in den Bauch zu stechen? Geh, geh! du bist deiner Amme entlaufen, weil sie dir mit der Rute gedroht hat.
SCHWEIZER. Was zum Henker, Hauptmann! was denkst du? willst du diesen Herkules fortschicken?

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MOOR. Denk, ich rate dir als ein Vater — Lern erst die Tiefe des Abgrunds kennen, eh du hineinspringst!

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MOOR. Wenn du noch in der Welt eine einzige Freude zu erhaschen weißt — es können Augenblicke kommen, wo du — aufwachst — und dann — möcht' es zu spät sein. Du trittst hier gleichsam aus dem Kreise der Menschheit — entweder musst du ein höherer Mensch sein, oder du bist ein Teufel.

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MOOR. Da ich noch ein Bube war - war's mein Lieblingsgedanke, wie s i e zu leben, zu sterben wie s i e. - (Mit verbissnem Schmerz.) Es war ein Bubengedanke!
GRIMM. Das will ich hoffen.
MOOR(drückt den Hut übers Gesicht). Es war eine Zeit - lasst mich allein, Kameraden.
SCHWARZ. Moor! Moor! Was zum Henker? - wie er seine Farbe verändert!
GRIMM. Alle Teufel! was hat er? wird ihm übel?
MOOR. Es war eine Zeit, wo ich nicht schlafen konnte, wenn ich mein Nachtgebet vergessen hatte —
GRIMM. Bist du wahnsinnig? Willst du dich von deinen Bubenjahren hofmeistern lassen?
MOOR(legt sein Haupt auf Grimms Brust). Bruder! Bruder!
GRIMM. Wie? sei doch kein Kind — ich bitte dich —
MOOR. Wär ich's — wär ich's wieder!
GRIMM. Pfui! Pfui!
SCHWARZ. Heitre dich auf. Sieh diese malerische Landschaft — den lieblichen Abend.
MOOR. Ja, Freunde, diese Welt ist so schön.
SCHWARZ. Nun, das war wohl gesprochen.
MOOR. Diese Erde so herrlich.
GRIMM. Recht — recht — so hör ich's gerne.
MOOR(zurückgesunken). Und ich so hässlich auf dieser schönen Welt — und ich ein Ungeheuer auf dieser herrlichen Erde.
GRIMM. O weh, o weh!

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MOOR (nimmt die Laute und spielt). B r u t u s
    Vater halt! — Im ganzen Sonnenreiche
    Hab ich  e i n e n  nur gekannt,
    Der dem großen Cäsar gleiche.
    Diesen einen hast du Sohn genannt.
    Nur ein Cäsar mochte Rom verderben
    Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn.
    Wo ein Brutus lebt, muss Cäsar sterben,
    Geh du linkwsärts, lass mich rechtswärts gehn.

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MOOR. Es ist alles so finster — verworrene Labyrinthe — kein Ausgang — kein leitendes Gestirn — Wenn's  a u s  wäre mit diesem letzten Odemzug — A u s wie ein schales Marionettenspiel — Aber wofür der heiße H u n g e r nach G l ü c k s e l i g k e i t? Wofür das Ideal einer u n e r r e i c h t e n Vollkommenheit? Das H i n a u s s c h i e b e n unvollendeter Plane? — wenn der armselige Druck dieses armseligen Dings (die Pistole vors Gesicht haltend) den Weisen dem Toren — den Feigen dem Tapfern — den Edlen dem Schelmen gleich macht? — Es ist doch eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Missklang in der vernünftigen sein?

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MOSER. Meint Ihr, dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? und führet Ihr gen Himmel, so ist er da! und bettetet Ihr Euch in der Hölle, so ist er wieder da! und sprächet Ihr zu der Nacht: verhülle mich! und zu der Finsternis: birg mich!, so muss die Finsternis leuchten um euch, [...].

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FRANZ (umarmt ihn[Diener Daniel] ungestüm). Verzeih, lieber goldner Perlendaniel!

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RÄBER MOOR. Ich wollte umkehren und zu meinem Vater gehn, aber der im Himmel sprach, es soll nicht sein.

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AMALIA. Es ist wahr! Herrscher im Himmel! Es ist wahr. — Was hab ich getan, ich unschuldiges Lamm? Ich habe diesen geliebt!

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