Literaturbrevier

Friedrich Schiller: Wallenstein I

Wallensteins Lager

WACHTMEISTER. Nun da sieht mans! Der Saus und Braus
Macht denn der den Soldaten aus?
Das Tempo macht ihn, der Sinn und Schick,
Der Begriff, die Bedeutung, der feine Blick.
ERSTER JÄGER. Die Freiheit macht ihn! Mit Euren Fratzen!
Dass ich mit Euch soll darüber schwatzen. —
Lief ich darum aus der Schul und der Lehre,
Dass ich die Fron und die Galeere[von Sträflingen gerudertes Schiff],
Die Schreibstub und ihre engen Wände
In dem Feldlager wiederfände? —
Flott will ich leben und müßig gehn,
Alle Tage was Neues sehn,
Mich dem Augenblick frisch vertrauen,
Nicht zurück, auch nicht vorwärts schauen —

__

ERSTER JÄGER. Ja, das war schon ein ander Ding!
Alles da lustiger, loser ging,
Soff und Spiel und Mädels die Menge!
Wahrhaftig, der Spaß war nicht gering,
Denn der Tilly[Johann Tily war Feldherr der katholischen Liga] verstand sich aufs Kommandieren.
Dem eigenen Körper war er strenge;
Dem Soldaten ließ er vieles passieren,
Und gings nur nicht aus seiner Kassen,
Sein Spruch war: leben und leben lassen.

__

ERSTER JÄGER. Es ist ihm[Wallenstein] nicht um des Kaisers Dienst,
Was bracht er dem Kaiser für Gewinst?
Was hat er mit seiner großen Macht
Zu des Landes Schirm und Schutz vollbracht?
Ein Reich von Soldaten wollt er gründen,
Die Welt anstecken und entzünden,
Sich alles vermessen und unterwinden[sich überwinden = sie überwinden] —
TROMPETER. Still! Wer wird solche Worte wagen!
ERSTER JÄGER. Was ich denke, das darf ich sagen.
Das Wort ist frei, sagt der General.
WACHTMEISTER. So sagt er, ich hörts wohl einige Mal,
Ich stand dabei. »Das Wort ist frei,
Die Tat ist stumm, der Gehorsam blind«,
Dies urkundlich seine Worte sind.

__

REKRUT[zu einem Verwandten]. Grüß den Vater und Vaters Brüder!
Bin Soldat, komme nimmer wieder.
[...]
BÜRGER. Eine Braut lässt er[Rekrut] sitzen in Tränen und Schmerz.
ERSTER JÄGER. Recht so, da zeigt er ein eisernes Herz.
BÜRGER. Die Großmutter wird für Kummer sterben.
ZWEITER JÄGER. Desto besser, so kann er sie gleich beerben.

__

REKRUT (singt).
      Trommeln und Pfeifen,
      Kriegrischer Klang!
      Wandern und streifen
      Die Welt entlang,
      Rosse gelenkt,
      Mutig geschwenkt,
      Schwert an der Seite,
      Frisch in die Weite,
      Flüchtig und flink,
      Frei, wie der Fink
      Auf Sträuchern und Bäumen,
      In Himmels Räumen,
      Heisa! ich folge des Friedländers[Wallenstein] Fahn!
ZWEITER JÄGER. Seht mir! das ist ein wackrer Kumpan!

__

WACHTMEISTER. Die Weltkugel liegt vor Ihm offen,
Wer nichts waget, der darf nichts hoffen.

__

ERSTER ARKEBUSIER. Denn seht! erst tut man sie[Bauern] ruinieren,
Das heißt sie zum Stehlen selbst verführen.

__

ERSTER KÜRASSIER. Es grünt uns kein Halm, es wächst keine Saat,
Ohne Heimat muss der Soldat
Auf dem Erdboden flüchtig schwärmen,
Darf sich an eignem Herd nicht wärmen,
Er muss vorbei an der Städte Glanz,
An des Dörfleins lustigen, grünen Auen,
Die Traubenlese, den Erntekranz
Muss er wandernd von ferne schauen.
Sagt mir, was hat er an Gut und Wert,
Wenn der Soldat sich nicht selber ehrt?
Etwas muss er sein eigen nennen,
Oder der Mensch wird morden und brennen.

__

ERSTER KÜRASSIER. Will einer in der Welt was erjagen,
Mag er sich rühren und mag sich plagen,
Will er zu hohen Ehren und Würden,
Bück er sich unter die goldnen Bürden.
Will er genießen den Vatersegen,
Kinder und Enkelein um sich pflegen,
Treib er ein ehrlich Gewerb in Ruh.
Ich — ich hab kein Gemüt dazu.

__

ERSTER KÜRASSIER. Bruder, den lieben Gott da droben,
Es können ihn alle zugleich nicht loben.
Einer will die Sonn, die den andern beschwert,
Dieser wills trocken, was jener freucht begehert.
Wo  d u  nur die Not siehst und die Plag,
Da scheint  m i r  des Lebens heller Tag.

__

ERSTER KÜRASSIER. Lassen wir uns auseinander sprengen,
Werden sie uns den Brotkorb höher hängen.

__

CHOR. Und setzet ihr nicht das Leben ein,
Nie wird euch das Leben gewonnen sein.

__

Die Piccolomini

ILLO. Frisch mitten durchgegriffen, das ist besser!
Reiß dann, was mag! — Die Menschen, in der Regel,
[...]
Finden sich in ein verhasstes Müssen
Weit besser als in eine bittre Wahl.

__

MAX. Der seltne Mann will seltenes Vertrauen,
Gebt ihm den Raum, das Ziel wird  e r  sich setzen.

__

MAX. Es braucht
Der Feldherr jedes Große der Natur,
So gönne man ihm auch, in ihren großen
Orakel zu leben. Das Orakel
In seinem Innern, das lebendige, —
Nicht tote Bücher, alte Ordnungen,
Nicht modrige Papiere soll er fragen.

__

SENI. Mein Sohn! Nichts in der Welt ist unbedeutend.
Das Erste aber und Hauptsächlichste
Bei allem irdschen Ding ist Ort und Stunde.

__

MAX. Ein Amt bloß wars! Nicht eine Gunst.

__

WALLENSTEIN. Wär der Gedank nicht so verwünscht gescheit,
Man wär versucht, ihn herzlich dumm zu nennen.

__

ILLO. Nach Tafel, wenn der trübe Geist des Weins
Das Herz nun öffnet, und die Augen schließt, [...].

__

TERZKY. Wenn  e i n 
Strick reißt, ist schon ein andrer in Bereitschaft.

__

MAX. Mich ängstigte des Lagers
Gewühl, die Flut zudringlicher Bekannten,
Der fade Scherz, das nichtige Gespräch,
Es wurde mir zu end, ich musste fort,
Stillschweigen suchen diesem vollen Herzen,
Und eine reine Stelle für mein Glück.
Kein Lächeln, Gräfin! In der Kirche war ich.
Es ist ein Kloster hier, zur Himmelspforte,
Da ging ich hin, da fand ich mich allein.
Ob dem Alter hing eine Mutter Gottes,
Ein schlecht Gemälde wars, doch wars der Freund,
Den ich in disem Augenblicke suchte.
Wie oft hab ich die Herrliche gesehn
In ihrem Glanz, die Inbrunst der Verehrer —
Es hat mich nicht gerührt, und jetzt auf einmal
Ward mir die Andacht klar, so wie die Liebe.

__

GRÄFIN. Genießen Sie Ihr Glück. Vergessen Sie
Die Welt um sich herum. Es soll die Freundschaft
Indessen wachsam für Sie sorgen.

__

MAX. O! der ist aus dem Himmel schon gefallen,
Der an der Stunden Wechsel denken muss!
Die Uhr schlägt keinem Glücklichen.

__

MAX. Der Glanz der Edelsteine,
Der Sie umgab, verbarg mir die Geliebte.
THEKLA. So sah mich nur Ihr Auge, nicht Ihr Herz.

__

MAX. Aus unsern Kriegsgeschichten werden dann
Erzählungen in langen Winternächten —

__

MAX. Ists denn das erste Mal, dass er[Wallenstein] das Seltne,
Das Ungehoffte tut? Es sieht ihm gleich,
Zu überraschen wie ein Gott, er muss
Entzücken stets und in Erstaunen setzen.

__

THEKLA. Aus Himmels Höhen fiel es[die Liebe] uns herab,
Und nur dem Himmel wollen wirs verdanken. [keinen Menschen!]

__

MAX. Du weißt, dass groß Gewühl mich immer still macht.

__

TERZKY. Der Wein spricht aus ihm! Hört ihn nicht, ich bitt euch.
ISOLANI (lacht). Der Wein erfindet nichts, er schwatzts nur aus.

__

[zur Gruppendymanik; Unterschriften betreffend]
ISOLANI. Was ficht das mich an?
Wo andre Namen, kann auch meiner stehn.

__

[Politik]
OCTAVIO. Mein Sohn! Dir ist nicht unbekannt, wie schlimm
Wir mit dem Hofe stehn — doch von den Ränken,
Den Lügenkünsten hast du keine Ahnung.

__

OCTAVIO. Mein bester Sohn! Es ist nicht immer möglich,
Im Leben sich so kinderrein zu halten,
Wie's uns die Stimme lehrt im Innersten.
In steter Notwehrt gegen arge List
Bleibt auch das redlichse Gemüt nicht wahr —

__

OCTAVIO. Fern sei vom Kaiser die Tyrannenweise!
Den Willen nicht, die Tat nur will er strafen.

__

MAX. Wie er[Wallenstein] sein Schicksal an die Sterne knüpft,
So gleicht er ihnen auch in wunderbarer,
Geheimer, ewig unbegriffner Bahn.

__

MAX. Ich kann nicht wahr sein mit der Zunge, mit
Dem Herzen falsch

__