Literaturbrevier

Friedrich Schiller: Wallenstein II

Wallensteins Tod

WALLENSTEIN. Nicht was lebendig, kraftvoll sich verkündigt,
Ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz
Gemeine ists, das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt,
Und morgen gilt, weils heute hat gegolten!

__

WRANGEL. Das Vertraun wird kommen,
Hat jeder nur erst seine Sicherheit.

__

GRÄFIN. Entworfen bloß, ists ein gemeiner Frevel,
Vollführt, ists ein unsterblich Unternehmen;
Und wenn es glückt, so ist es auch verziehn,
Denn aller Ausgang ist ein Gottes Urtel.

__

GRÄFIN. Der Herzog[Wallenstein] ist dann eben auch
Der neuen Menschen einer, die der Krieg
Emporgebracht.

__

GRÄFIN. Die Not, [...]
Die die  T a t  will, nicht das  Z e i c h e n [...].

__

GRÄFIN. Denn lange, bis es nicht mehr kann, behilft
Sich dies Geschlecht mit feilen Sklavenseelen
Und mit den Drahtmaschinen seiner Kunst —
Doch wenn das Äußerste ihm nahe tritt,
Der hohle Schein es nicht mehr tut, da fällt
Es in die starken Hände der Natur,
Des Riesengeistes, der nur  s i c h  gehorcht,
Nichts von Verträgen weiß, und nur auf  i h r e 
Bedingung, nicht auf  s e i ne , mit ihm handelt.

__

Qui tacet, consentire videtur.
(Deutsch: Wer schweigt, der stimmt offenbar zu.)

__

WALLENSTEIN. Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.

__

WALLENSTEIN. Seid nicht wie die Weiber, die beständig
Zurück nur kommen auf ihr erstes Wort,
Wenn man Vernunft gesprochen stundenlang!

__

WALLENSTEIN. Des Menschen Taten und Gedanken, wisst!
Sind nicht wie Meeres blind bewegte Wellen.
Die innre Welt, sein Mikrokosmus, ist
Der tiefe Schacht, aus dem sie ewig quellen.

__

WALLENSTEIN. Wir sind im Lager! Da ists nun nicht anders,
Da wechseln Sturm und Sonnenschein geschwind.

__

WALLENSTEIN. Die Sterne lügen nicht,  d a s  aber ist
Geschehen wider Sternenlauf und Schicksal.
Die Kunst ist redlich, doch dies falsche Herz
Bringt Lug und Trug in den wahrhaftgen HImmel.
Nur auf der Wahrheit ruht die Wahrsagung,
Wo die Natur aus ihren Grenzen wanket,
Da irret alle Wissenschaft.

__

MAX. Das Geheimnis
Ist für die Glücklichen, das Unglück braucht,
Das hoffnungslose, keinen Schleier mehr.

__

BUTTLER. Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum,
Doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.

__

GORDON. Doch oft ergriffs ihn[den jungen Wallenstein] plötzlich wundersam,
Und der geheimnisvollen Brust entfuhr,
Sinnvoll und leuchtend, ein Gedankenstrahl,
Dass wir uns staunend ansahn, nicht recht wissend,
Ob Wahnsinn, ob ein Gott aus ihm gesprochen.

__

ILLO. Auch Eurer wird er dann gedenken, wird Euch
Aus diesem Neste ziehn, Eure Treu
In einem höhern Posten glänzen lassen.
GORDON. Ich bin vergnügt, verlange höher nicht
Hinauf, wo große Höh, ist große Tiefe.

__

BUTTLER. Es denkt der Mensch die freie Tat zu tun,
Umsonst! Er ist das Spielwerk nur der blinden
Gewalt, die aus der eignen Wahl ihm schnell
Die furchtbare Notwendigkeit erschafft.

__

GORDON. Aus Blut entspringt nichts Gutes!

__

WALLENSTEIN. Warum willst du ihn sprechen, meine Tochter?
THEKLA. Ich bin gefasster, wenn ich alles weiß.
Ich will nicht hintergangen sein. Die Mutter
Will mich nur schonen. Ich will nicht geschont sein.
Das Schrecklichste ist ja gesagt, ich kann
Nichts Schrecklichers mehr hören.

__

GORDON. Oft kommt ein nützlich Wort aus schlechtem Munde.

__

GRÄFIN. Wer soll noch
Umkommen? Wer soll noch misshandelt werden?

__