Literaturbrevier

Friedrich Schiller: Wilhelm Tell

[Das typisch Heldenhafte:]

(Heftige Donnerschläge, der See rauscht auf.)
RUODI. Ich soll mich in den Höllenrachen stürzen?
Das täte keiner, der bei Sinnen ist.
TELL. Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt,
Vertrau auf Gott und rette den Bedrängten.

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BAUMGARTEN. Mein Retter seid Ihr und mein Engel, Tell!
TELL. Wohl aus des Vogts Gewalt errett ich Euch,
Aus Sturmes Nöten muss ein andrer helfen.
Doch besser ist's, Ihr fallt in Gottes Hand,
Als in der Menschen!

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STAUFFACHER. Mir ist das Herz so voll, mit Euch zu reden.
TELL. Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht.

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ATTINGHAUSEN. Sie[Tyrannen] werden [...]
Mit unsrer Armut ihre Länderkäufe,
Mit unserm Blute ihre Kriege zahlen.

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STAUFFACHER. Doch Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.

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MELCHTHAL. Lasst's gut sein. Was die dunkle Nacht gesponnen,
Soll frei und fröhlich an das Licht der Sonnen.

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ITEL REDING. Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen.

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STAUFFACHER. Säumt man so lang, so wird der Feind gewarnt,
Zu viele sind's, die das Geheimnis teilen.
MEIER. In den Waldstätten find't sich kein Verräter.
RÖSSELMANN. Der Eifer auch, der gute, kann verraten.

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WALTHER FÜRST. Sorgt nicht, die Nacht weicht langsam aus den Tälern.
(Alle haben unwillkürlich die Hüte abgenommen und betrachten mit stiller Sammlung die Morgenröte.)
RÖSSELMANN. Bei diesem Licht, das uns zuerst begrüßt
Von allen Völkern, die tief unter uns
Schweratmend wohnen in dem Qualm der Städte,
Lasst uns den Eid des neuen Bundes schwören.
— Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen und Gefahr.
(Alle sprechen es nach mit erhobenen drei Fingern.)
— Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
(Wie oben.)
— Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.
(Wie oben. Die Landleute umarmen einander)

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TELL. Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

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TELL. Verhüt' es Gott, dass ich nicht Hülfe brauche.
(Er nimmt die Armbrust und Pfeile.)
HEDWIG. Was willst du mit der Armbrust? Lass sie hier.
TELL. Mir fehlt der Arm, wenn mir die Waffe fehlt.

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MELCHTHAL. Wer Tränen ernten will, muss Liebe säen. [gemeint sind Tränen der Teilnahme]

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