Literaturbrevier

Arthur Schnitzler: Reigen

DIRNE. Du, weißt was — wenn's dir zu weit is heut abend zu mir — da ... da ... (weist auf die Donau).
SOLDAT. Was ist das?
DIRNE. Da ist auch schön ruhig ... jetzt kommt kein Mensch.
SOLDAT. Ah, das ist nicht das Rechte.
DIRNE. Bei mir is immer das Rechte. Geh, bleib jetzt bei mir.
Wer weiß, ob wir mogen noch's Leben haben. [was für ein Argument]
SOLDAT. So komm — aber g'schwind.

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DER JUNGE HERR. Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren. Sie brauchen sich überhaupt vor niemandem ... wenn man so hübsch ist.

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DER GATTE. Lies heute nicht mehr. Du wirst dir die Augen verderben. [vielleicht auch metaphorisch zu verstehn]

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DER GATTE. Glaube mir — es ist so ... Hätten wir in den fünf Jahren, die wir jetzt miteinander verheiratet sind, nicht manchmal vergessen, daß wir ineinander verliebt sind — wir wären es wohl gar nicht mehr.

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DIE JUNGE FRAU. So verkaufen sich denn alle?
DER GATTE. Das möchte ich nicht sagen. Ich mein ja auch nicht nur das meterielle Elend. Aber es gibt auch — ich möchte sagen — ein sittliches Elend; eine mangelhafte Auffasung für das, was erlaubt, und insbesondere für das, was edel ist.

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DER GATTE. Herrgott, bist du lieb! (Küßt sie und wird zärtlicher.) Du erinnerst mich auch an wen.
DAS SÜSSE MÄDEL. So — an wen denn?
DER GATTE. An keine bestimmte ... an die Zeit ... na, halt an meine Jugend.

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DER DICHTER (nah bei ihr). Bist du jetzt rot geworden? Man sieht nichts mehr! [da es dunkel ist] Ich kann deine Züge nicht mehr ausnehmen. (Mit seiner Hand berührt er ihre Wangen.) Aber auch so erkenn ich dich.
DAS SÜSSE MÄDEL. Na, paß nur auf, daß du mich mit keiner andern verwechselst.
DER DICHTER. Es ist seltsam, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie du aussiehst.
DAS SÜSSE MÄDEL. Dank schön!
DER DICHTER (ernst). Da, das ist beinah unheimlich, ich kann mir dich nicht vorstellen — In einem gewissen Sinne hab ich dich schon vergessen — Wenn ich mich auch nicht mehr an den Klang deiner Stimme erinnern könnte ... was wärst du da eigentlich? — Nah und fern zugleich ... unheimlich.

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[Über eine mehr oder weniger verwirrende Geschichte mit einem Herrn Biebitz]
DAS SÜSSE MÄDEL. Jetzt, die G'schicht mit dem Biebitz — da bin ich schon ganz blöd.

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DICHTER. Gewiß es ist ja entzückend hier. Wenn man bedenkt, zwei Stunden von Wien — und die völlige Einsamkeit. Und was für eine Gegend!
SCHAUSPIELERIN. Was? Da könntest du wohl mancherlei dichten, wenn du zufällig Talent hättest.

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DICHTER. Ich werde vor dem Fenster auf und ab gehen. Ich liebe es sehr, nachts im Freien herumzuspazieren. Meine besten Gedanken kommen mir so. Und gar in deiner Nähe, von deiner Sehnsucht sozusagen umhaucht ... in deiner Kunst webend.
SCHAUSPIELERIN. Du redest wie ein Idiot ...
DICHTER (schmerzlich). Es gibt Frauen, welche vielleicht sagen würden ... wie ein Dichter.

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SCHAUSPIELERIN. Arrogant bist du gewesen.
DICHTER. Wieso?
SCHAUSPIELERIN. Alle im Theater finden es.
DICHTER. So.
SCHAUSPIELERIN. Aber ich hab ihnen gesagt: Der Mann hat wohl ein Recht, arrogant zu sein.
DICHTER. Und was haben die anderen geantwortet?
SCHAUSPIELERIN. Was sollen mir denn die Leute antworten? Ich rede ja mit keinem.
DICHTER. Ach so.
SCHAUSPIELERIN. Sie möchten mich am liebsten alle vergiften. Aber das wird ihnen nicht gelingen.

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DICHTER (umarmt sie). Mein ...
SCHAUSPIELERIN. Fritz.
DICHTER. Ich heiße Robert. Was bin ich denn für dich, wenn du jetzt an Fritz denkst?
SCHAUSPIELERIN. Du bist eine Laune.

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SCHAUSPIELERIN. Nun sag, bist du nicht stolz?
DICHTER. Ja, weshalb soll ich denn stolz sein?
SCHAUSPIELERIN. Ich denke, daß du wohl einen Grund dazu hast.

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SCHAUSPIELERIN. Gib mir einen Kuß, mein Frosch!
DICHTER. Bitte sehr, nenn mich nicht so. Das macht mich direkt nervös.
SCHAUSPIELERIN. Nun, wie soll ich dich nennen.
DICHTER. Ich hab doch einen Namen: Robert.
SCHAUSPIELERIN. Ach, das ist zu dumm.

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GRAF. Ja. Der Lulu sagt beispielweise, ich bin ein Philosoph. Wissen Sie, Fräulein, er meint, ich denk zu viel nach.
SCHAUSPIELERIN. Ja ... denken, das ist das Unglück.

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GRAF. Und so ein Sonnenuntergang, es ist schade, daß ich kein Maler bin, ich hab mir manchmal gedacht, wenn ich ein Maler wär, tät ich's malen. Einen haben wir gehabt beim Regiment, einen jungen Splany, der hat's können. — Aber was erzähl ich Ihnen da für fade G'schichten, Fräulein.
SCHAUSPIELERIN. O bitte, ich amüsiere mich königlich.

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SCHAUSPIELERIN. Und wie verhält sich denn das mit der Liebe?
GRAF. Wenn man dran glaubt, ist immer eine da, die einen gern hat.
SCHAUSPIELERIN. Zum Beispiel das Fräulein Birken.
GRAF. Ich weiß wirklich nicht, Fräulein, warum Sie immer auf die kleine Birken zu reden kommen.
SCHAUSPIELERIN. Das ist doch Ihre Geliebte.
GRAF. Wer sagt denn das?
SCHAUSPIELERIN. Jeder Mensch weiß das.
GRAF. Nur ich nicht, es ist merkwürdig.

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GRAF (neigt sich und küßt ihren Hals).
SCHAUSPIELERIN. Oh, Herr Graf, das ist ja gegen Ihr Programm.

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GRAF. (Betrachtet sie[die schlafende Dirne] lang.) Ich hab viel kennt, die haben nicht einmal im Schlafen so tugendhaft ausg'sehn. Meiner Seel ... also der Lulu möcht wieder sagen, ich philosophier, aber es ist wahr, der Schlaf macht auch schon gleich, kommt mir vor; — wie der Herr Bruder, aso der Tod ...
[vgl. bei Cicero: „Somnus imago mortis“ Schlaf ist ein Spiegel des Todes.
vgl. auch den Schlußchoral bei J. S. Bachs Kreuzstabkantate: „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder ...“]

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GRAF. Wie alt bist denn eigentlich?
DIRNE. Na, was glaubst?
GRAF. Vierundzwanzig.
DIRNE. Ja freilich.
GRAF. Bist schon älter?
DIRNE. Ins zwanzigste geh i.
GRAF. Und wie lang bist du schon ...
DIRNE. Bei dem G'schäft bin i ein Jahr.
GRAF. Da hast du aber früh ang'fangen.
DIRNE. Besser zu früh als zu spät.

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