Literaturbrevier

Reinhard Sorge: Zarathustra. Eine Impression.

Die Lesenden sind Männer verschiedenen Alters, verschiedenen Standes, verschiedener Rasse.

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KUNSTGELEHRTER
(am rückliegenden Fenster):
Um Gottes willen, wie fürchterlich!
(Er tritt zurück.)
Dies zu sehen, halte ich nicht aus.

IRRENARZT:
Was ist denn? Was ist? Reden sie doch, mein Herr!

KUNSTGELEHRTER:
Er hielt den Toten mit beiden Armen vorn am Rock gepackt und schüttelte ihn wie toll hin und her . . . es ist unbeschreiblich . . . er sah dabei zum Himmel mit einem Gesicht, das fast barst vor Rausch . . . voller Mysterien . . . voller Seligkeiten . . . und doch . . . voll unerhörter Laster.
IRRENARZT:
Hm . . .

KUNSTGELEHRTER:
Grauenhaft . . . Grauenhaft!

JUNGER DIPLOMAT
(im Vordergrund rechts):
Es ist unsinnig, einen Krüppel totzuschießen!

DICHTER:
Durchaus nicht, es hat nach diesem Buch Sinn.

JUNGER DIPLOMAT:
Dieses hat nur Sinn, weil es von Gipfeln geschaut ist, aber wir leben im Tale und nah bei den Dingen.

DICHTER:
Welch eine Anschauung! . . .

JUNGER DIPLOMAT:
Freilich kommt es nur auf Anschauung an, mein Herr, und auf den Standpunkt.

JUNGER KAUFMANN:
Er wußte aus Distanz zu sehen, hatte scharfe Augen und vertrug die Luft der Höhen.

JUNGER DIPLOMAT:
Schön. Und in Nähe verzerrt sich das Bild.

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JUNGER KAUFMANN
(zum Gelehrten):
Jünglinge mögen darüber verzweifeln. Sehen Sie den. Dem widerfährt jetzt etwas Furchtbares, . . . sehen Sie nur: diese Züge und dies Versunkensein! Seine Natur wird vergewaltigt.

KUNSTGELEHRTER:
Welches starke Buch vergewaltigte nicht die Jugend, mein Bester? . . .

JUNGER KAUFMANN:
Ganz recht; wird vergewaltigt, sage ich und jahrelang schleppt er sich unter dem Druck. Seine Instinkte vermögen unter ihm nicht aufzukommen. Sind sie zu schwach, werden sie verkümmern, andernfalls mag er schon mit 20 Jahren ein Weiser sein.

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KUNSTGELEHRTER:
Es freut mich, daß sie dieses Empfindens gedenken, mein Herr. Er nahm jeden Morgen ein kaltes Bad selbst im Winter, und ich muß gestehen, daß ich diese Handlung stets spüre, wenn sein Stil mir erklingt und daß diese Handlung für seinen Stil mehr besagt als tausend andere Dinge.

GREIS:
Ich freue mich, Sie übereinstimmend mit meinen Ideen zu finden. Ich schätze einen der größten Dichter unserer Zeit ungeheuer, aber als ich kürzlich hörte, daß er ungekämmt gehe, verstand ich eine Seite seiner Kunst tiefer.

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GENTLEMAN
(zum Gelehrten):
Um Verzeihung, da Sie vorhin einige gute Worte über Geschmack sagten: Dieser Autor war mehr als ein anderer Franzose.

KUNSTGELEHRTER:
Ich stimme Ihnen zu, aber jetzt geben Sie acht!

BEAMTER
(zum Gentleman):
Mein Herr, dieses Ausschlachten der Nationalität in Dichtung und aller Kunst überhaupt ist mir widerlich und auch durchaus geschmacklos!

GENTLEMAN:
Mein Herr, mit diesem verraten Sie nur, daß Sie nur Deutscher sind und durchaus in Nationalität gebannt. Übrigens bin ich selbst von Herzen Deutscher.

DICHTER
(zum jungen Diplomaten):
Es hilft nichts, ich sehe Konflikte über Konflikte . . . Meine Geliebte . . .

DIPLOMAT:
Sie sind Dichter, und wenn Sie schlau sind, werten Sie diese Konflikte je nach Art Ihrer Begabung zur Dichtung um.

DICHTER:
Haha! . . .

DIPLOMAT:
Im Ernst, im Ernst mein Herr, glauben Sie mir! Sehen Sie sich in der heutigen Kunst um. Erotische Konflikte stehen da hoch im Preis. Aber das ist unser Jahrhundert. Aber das ist Pöbeltum, Salon und Schlafzimmer stehen jedermann offen. Man birgt sich nicht mehr. Voila. Blicken Sie doch zum Adel! Dort kennt man noch Verschwiegenheit: diese Königin, die unter Krämern nicht ihre Stätte hat. Dort herrscht noch Abstand von Menschen und Dingen. Ah! Dort lebt noch Großheit.

KUNSTGELEHRTER:
Ihre Ansichten sind einseitig, sind übertrieben, aber dennoch prachtvoll.

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DICHTER
(zum Gelehrten):
Übrigens: diese Sprache hat einen eigentümlich leichten Schwung, sie ist sehr dehnbar, und ich glaube, es ist leicht, an ihr zu arbeiten.

GENTLEMAN:
Glauben Sie, daß diese Sprache Zukunft hat?

KUNSTGELEHRTER:
Nein, mein Herr, wohl kaum, sie konnte wohl nur einmal gesprochen werden . . .

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