Literaturbrevier

Ludwig Tieck: Der gestiefelte Kater

GOTTLIEB. Nun, wie Du meinst, — aber der Schuster wird sich wundern.
HINZE. Gar nicht, man muss nur nicht tun, als wenn es etwas Besonders wäre, dass ich Stiefeln tragen will; man gewöhnt sich an alles.
GOTTLIEB. Ja wohl, ist mir doch der Diskurs mit Dir ordentlich ganz geläufig geworden.

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(Eine Nachtigall im benachbarten Busche fängt an zu schmettern.)
HINZE. Sie singt trefflich, die Sängerin der Haine, — wie delikat muss sie erst schmecken! Die Großen der Erde sind doch darin recht glücklich, dass sie Nachtigallen und Lerchen essen können, so viel sie nur wollen, — wir armen gemeinen Leute müssen uns mit dem Gesang zufrieden stellen, mit der schönen Natur, mit der unbegreiflich süßen Harmonie. — Es ist fatal, dass ich nichts kann singen hören, ohne Lust zu kriegen, es zu fressen: Natur! Natur! warum störst Du mich dadurch immer in meinen allerzartesten Empfindungen, dass Du mich so eingerichtet hast? — Fast krieg ich Lust, mir die Stiefeln auszuziehn und sacht den Baum dort hinanzuklettern, sie muss da sitzen.

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