Literaturbrevier

Friedrich Torberg: Wien oder Der Unterschied. Ein Lesebuch.

Ich hatte die Stelle (zu Herzmanovskys[ein Autor] sichtlicher Freude) wörtlich zitiert und hatte hinzugefügt, daß mir das alles einleuchtete — nur eines verstünde ich nicht:
»Warum heißt der Kupferstecher Blasius Hampfelmayer?«
Herzmanovsky sah mich aus wasserblauen Augen verständnislos an:
»Weil er so geheißen hat«, antwortete er. Und brachte am nächsten Tag aus dem Archiv der ehemaligen Hofstallungen einige dieser Kupferstiche (nicht alle 18) angeschleppt. Sie stammten von Blasius Hampfelmayer.
(Zwischen Nestroy und Kafka. Ein Versuch, Herzmanovsky-Orlando zu orten. 1977.)

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Ist er wirklich — wie ihm immer wieder bescheinigt wurde — »der größte Schwimmer aller Zeiten«? Da wir noch nicht an ihrem Ende stehen, sollte man mit derlei abschließenden Attributen etwas vorsichtiger umgehen und vielleicht vom größten Schwimmer aller bisherigen Zeiten sprechen.
(Spitz an der Spitze)

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Herliebes Bliemerl mein,
wie gern, ach wie gerne würde ich Dich mit allen Würzlein ausgraben, zum Garten am hübschen Haus tragen und Dich am stillen Ort wieder einpflanzen, auf daß Du mir weiter grüntest und blühtest. Aber was tut Gott? Ich hab kein' Garten, das Haus is nicht hübsch, der Ort is nicht still, und geblüht wied hier schon gar nicht, sondern es wird verwelkt.
(More Jews for Austria! sei's Panier, 1947, Brief an Alexander "Bliemerl" Inngraf)

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Als er[Alfred Polgar] eines Nachmittags das Kaffeehaus verließ, folgte ihm Weiß auf die Straße, gesellte sich devot an seine Seite und stellte ihm die scheinbar ausweglose Frage:
»In welche Richtung gehen Sie, Herr Polgar?«
Er erhielt den prompten Bescheid:
»In die entgegengesetzte.«
(Kaffeehaus ist überall, 1977.)

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Auf einer Silvestergesellschaft machte sich Weiß mit anreißerischen Lächeln an Polgar heran:
»Das wird Sie amüsieren, Herr Polagr. Ich habe auf dem Weg hierher einen Bekannten getroffen — übrigens ein glühender Verehrer von Ihnen — und der hat sich von mir mit den Worten verabschiedet: ›Also Sie sehe ich erst nächstes Jahr wieder!‹ Witzig, nicht?«
»Das können Sie von mir schon Anfang Februar hören«, brummte Polgar.
(Kaffeehaus ist überall, 1977.)

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Zu den beinahe untrüglichen Merkmalen eines Stammgastes gehörte die Behauptung, keiner zu sein (was mit gleicher Beharrlichkeit sonst nur Betrunkene von sich behaupten). Ernst Polak, eine der Sälen des Café Herrenhof, aus Prag gebürtig, in erste Ehe mit Kafkas Milena verheiratet, Literaturkenner von hohen Graden und weithin als kritische Instanz anerkannt, versäumte es nie, sein allmittägliches Erscheinen am Stammtisch mit der Mitteilung einzuleiten, daß er nur ausnamhsweise gekommen sei und gleich wieder gehen müsse, weil er seine Zeit nicht mit unnützem Herumsitzen und Herumreden vergeuden wolle. Er blieb dann meistens bis zur Sperrstunde, deren Ankündigung durch den Oberkellner Albert ihm ein entsetztes »Was — schon?!« entlockte.
(Kaffeehaus ist überall, 1977.)

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Außerdem wies die in der Herrengause verlaufende Seitenfront[des Café Central] eine kleine Glastüre auf, die aber nicht als Eingang, sondern — in der wärmeren Jahreszeit — zwecks Durchlüftung des unmittelbar dahinter gelegenen Schachzimmers benützt wurde. Darauf stüstze sich Gustl Grüners Wahrnehmung: »Frühling ist, wenn die Tür in der Herrengasse aufgemacht wird.« Eine andre Möglichkeit, den Eintritt des Frühlings festzustellen, hatte er nicht.
(Kaffeehaus ist überall, 1977.)

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Auch heute noch, bei jeder Dithyrambe[urspr. eine Hymne zu Ehren des Gottes Dionysos], die ich über Hofmannsthal zu lesen bekomme, bei jeder Zeitungsnotiz über das Fortschreiten der kritisch-historischen Gesamtausgabe, bei jedem Zuwachs an Sekundärliteratur, fällt mir die Vereinsgründung meines witzigen Kollegen Hans Weigel ein, der »Verein zur Abwehr der Überschätzung des Autors Hugo von Hofmannsthal«.
(Schwierigkeiten beim Verehren Hugo von Hofmannsthals. 1974)

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Zitiert Hofmannsthals „Medea“:

   Und kurz und gut: der junge Bursch Orest,
   der Sohn vom Haus, der immer außer Haus war
   und drum so gut wie tot: kurz dieser, der
   schon eh und immer sozusagen tot war,
   der ist nun sozusagen wirklich tot!
   (Springt ab)

(Schwierigkeiten beim Verehren Hugo von Hofmannsthals. 1974)

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„Neufassung“ von Hofmannsthal „Jedermann“:

DICKER VETTER Potz Velten, Vetter Jedermann
Ihr seht so bleich! Was ficht euch an?
JEDERMANN Siehst selber bleich und abgezehrt,
Bist deines Namens nimmer wert.
(Er schiebt ihm einen Teller Suppe hin)
DICKER VETTER Ich esse keine Suppe nicht.
Nein, keine Suppe ess' ich nicht!
MAGERER VETTER Klingt allermaßen mein Herr Vetter
Wie Doktor Hoffmanns Struwwelpeter.
DICKER VETTER Ob Hoffmann oder Hofmannsthal,
Das ist mir schnurz.
MAGERER VETTER Mir piepegal.
JEDERMANN (schlägt die Faust auf den Tisch)
Potz Piefke, Vettern! Hör ich recht?
Will mir alls nit behagen, wie ihr da sprecht!
EIN FRÄULEIN (kichernd)
Ist wohl um der deutschen Besetzung wegen.
EIN GAST Da tät sich eins gleich niederlegen.
(Der neue Salzburger Jedermann. 1952)

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Wie oben:

JEDERMANN So geh auch ich. Hab gnug... Was ist?
Was trittst mir in den Weg? Wer bist?
WERKE Ich bin die guten Werke all
Des Herrn von Hugo und Hofmannsthal.
JEDERMANN Dächt wohl, daß ich ein solches sei.
(Will weiter)
WERKE Halt, Jedermann! Bist nit dabei!
Bist worden zeitfremd und veraltet,
Und mußt drum werden neu gestaltet.
JEDERMANN Potz Maus! Ich alt und fremd? Ich? Hier?
RUFE (aus verschiedenen Richtungen)
Jedermann! Jedermann!
JEDERMANN Und ruft doch jedermann nach mir!
(Der neue Salzburger Jedermann. 1952)

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Ich beharrte auf meiner Verzweiflung:
»Aber verstehen Sie doch, Herr Kraus — ich möchte ein nützliches Buch schreiben!«
Kraus, nach einigen Sekunden vorgetäuschten Sinnierens:
»Wissen Sie was? Schreiben Sie ein Telephonbuch!«
(Er war genau so und er war ganz anders. Persönliche Erinnerungen an Karl Kraus. 1974)

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Karl Kraus las und lächelte:
»Sehen Sie. Wenn man brav ist, bekommt man's von der Sprache geschenkt.«
(Er war genau so und er war ganz anders. Persönliche Erinnerungen an Karl Kraus. 1974)

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»Wo waren Sie denn?« fragte er mich nach der Begrüßung.
Da ich ihn mit Details des (ihm fremden) Sportbetriebs nicht behelligen wollte, beschränkte ich mich auf die Antwort:
»Ich war schwimmen.«
Karl Kraus zuckte kaum merklich zusammen:
»So? Werden Sie auch morgen schwimmen sein?«
Und jetzt war das Zusammenzucken an mir.
Die rechtens gerügte Schlamperei konnte ich dann wieder dadurch gutmachen, daß ich ihm den (nicht von mir erfundenen) »Satz mit fünf Infinitiven hintereinander« auftischte, die Frage des jüdischen Hausierersohns an seinen Vater:
»Haben müssen gehen lernen schwimmen, Tateleben, die Hausierer bei die Pfahlbauern?«
Es war rührend, wie leicht er sich durch solcherlei erheitern ließ.
(Er war genau so und er war ganz anders. Persönliche Erinnerungen an Karl Kraus. 1974)

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Seit der vierten Volksschulklasse, seit in dem vom k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht approbierten Lesebuch ein Gedicht über ein Gastmahl enthalten war, welches die Zeilen enthielt:

   Der Abend kam. Die Köche wandten
   Die Braten und die Diener rannten

— seither verfolt mich die Vision der rennenden Braten, und ich lege zwischen sie und mich ein wahres Sperrfeuer von Beistrichen vor ›und‹...
(Kaffeehaus war überall, 1977.)

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»Essen war seine Lieblingsspeise« — diese Grabsteininschrift wünschte er sich.
(Nachwort... hier über Torberg)

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