Literaturbrevier

Anton Tschechow: Die Möwe

M a s c h a. Um das Geld ist es mir nicht zu tun. Auch ein Armer kann glücklich sein.
M e d w e d e n k o. In der Theorie, ja, aber in der Praxis...

__

M e d w e d e n k o. Ich liebe Sie, ich halte es zu Hause nicht aus vor Sehnsucht und gehe jeden Tag zu Fuß sechs Werst hierher und sechs zurück und stoße bei Ihnen auf nichts als Gleichgültigkeit. Das ist begreiflich. Ich bin mittellos, ich habe eine große Familie... Was könnte das auch für ein Vergnügen sein, einen Mann zu heiraten, der selbst ncihts zu beißen hat?
M a s c h a. Unsinn. (Nimmt eine Prise aus ihrer Schnupftabaksdose.) Ihre Liebe rührt mich, aber ich kann sie nicht erwidern, das ist alles. (Reicht ihm die Tabaksdose hin.) Bedienen Sie sich.

__

D o r n. Jupiter, du zürnst...

__

D o r n. Sie haben ein Sujet aus dem Reich der abstrakten Ideen genommen. So gehört es sich auch, denn ein Kunstwerk muß unbedingt einen großen Gedanken ausdrücken. Nur das ist schön, was ernst ist.

__

T r i g o r i n. Und das Publikum liest es: »Ja, ganz nett, talentiert... Wirklich nett, aber mit Tolstoi kann er es nicht aufnehmen«, oder »Eine ganz hübsche Sache, aber ›Väter und Söhne‹ von Turgenjew ist besser.« Und so werde ich bis zu meinem Lebensende nur nett und talentiert sein, nett und talentiert — weiter nichts, und wenn ich sterbe, werden meine Bekannten an meinem Grab vorübergehen und sagen: »Hier ruht Trigorin. Er war ein guter Schriftsteller, aber so gut wie Turgenjew schrieb er nicht.«

__

M a s c h a. Erlauben Sie mir, Ihnen alles Gute zu wünschen. Behalten Sie mich in freundlicher Erinnerung.

__

T r i g o r i n (sucht im Buch). Seite 121... Zeile 11 und 12... Aha... (Liest.) »Wenn du je mein Leben brauchst, so komm und nimm es dir.«
[...]
(Nachdenklich.) Warum nur schwingt in diesem Ruf einer reinen Seele so viel Trauer mit, warum zieht sich mein Herz so schmerzlich zusammen? ... Wenn du je mein Leben brauchst, so komm und nimm es dir.

__

A r k a d i n a (in starker Erregung). Ist es schon so weit mit dir?
T r i g o r i n. Es zieht mich mit Gewalt zu ihr hin! Vielleicht ist es gerade das, was ich brauche.
A r k a d i n a. Die Liebe eines Provinzmädchens? Oh, wie schlecht du dich kennst!
T r i g o r i n. Manchmal schlafen die Menschen im Gehen. So geht es auch mir eben: ich spreche mit dir und gleichzeitig ist mir, als schliefe ich und sähe sie im Traum...

__

A r k a d i n a. Ihr habt euch heute alle verabredet, mich zu quälen! (Weint.)
T r i g o r i n (faßt sich an den Kopf.) Sie versteht nicht! Sie will nicht verstehen!
A r k a d i n a. Bin ich etwa schon so alt und häßlich, daß man mit mir ungeniert über andere Frauen sprechen kann?

__

P o l i n a   A n d r e j e w n a. Mein lieber, guter Kostja, seien Sie doch ein bißchen nett zu meiner Maschenka! [...] Eine Frau braucht nichts, Kostja, nur daß man sie freundlich anschaut. Ich weiß das von mir selbst.

__

D o r n. Mit zweiundsechzig Jahren seine Unzufriedenheit mit dem Leben kundtun, geben Sie zu, das ist nicht eben groß gedacht.
S o r i n. So eine Starrköpfigkeit. Verstehen Sie doch: ich will leben!
D o r n. Das ist Leichtsinn. Jedes Leben muß den Naturgesetzen entsprechend einmal ein Ende haben.

__

T r e p l j o w. Wie leicht, Doktor, auf dem Papier ein Philosoph zu sein, und wie schwer in der Realität!

__

S c h a m r a j e w. Wir alle altern, wir verwittern unter der Einwirkung der Elemente, Sie dagegen, Verehrteste, Sie bleiben immer jung... Die helle Bluse, und dies Temperament... diese Grazie...
A r k a d i n a. Sie wollen wohl wieder das Schicksal auf mich aufmerksam machen, Sie unmöglicher Mensch!

__

S c h a m r a j e w. Er wird auch zu Fuß gehen können. Er ist ja kein General.

__

P o l i n a   A n d r e j e w n a. Kostja spielt [einen melancholischen Walzer am Klaver]. Er ist traurig, der Arme. [...]
T r i g o r i n. Er hat kein Glück. Er findet einfach nicht zu seinem eigenen, unverwechselbaren Ton. Seine Sachen sind so merkwürdig verschwommen, manchmal wirken sie sogar wie Fieberträume. Und kein einziger lebendiger Mensch.
D o r n. Und ich glaube an Ko[stja]. Doch, es steckt etwas in ihm! Er denkt in Bildern, seine Erzählungen haben kräftige Farben und sprechen mein Gefühl stark an. Es ist nur schade, daß er sich keine bestimmten Aufgaben stellt. Er ruft Gefühlseindrücke hervor und sonst nichts, mit Eindrücken allein kommt man aber nicht weit.

__

T r i g o r i n (denkt nach). Ich kann mich wirklich nicht erinnern!
(Rechts hinter der Bühne fällt ein Schuß; alle schrecken zusammen.)
A r k a d i n a (erschrocken). Was war das?
D o r n. Nichts. In meiner Reiseapotheke wird etwas kaputtgegangen sein. Beruhigen Sie sich. (Geht durch die rechte Tür und kehrt nach einer halben Minute wieder zurück.) Wie ich vermutet habe. Ein Fläschchen mit Äther ist geplatzt. (Singt vor sich hin.) »Und wieder steh ich verzaubert vor dir...«
A r k a d i n a (setzt sich auf den Tisch). Pfui, hab ich mich erschreckt. Ich mußte daran denken, wie... (Bedeckt ihr Gesicht mit den Händen.) Mir wird ganz schwarz vor den Augen...
D o r n (blättert in einer Zeitschrift, zu Trigorin). Vor ungefähr zwei Monaten ist da ein Artikel erschienen... ein Bericht aus Amerika, und da wollte ich Sie unter anderem fragen... (faßt Trigorin um die Taille und führt ihn zur Rampe) weil mich dieses Problem sehr interessiert... (Senkt die Stimme, halblaut.) Bringen Sie Irina Nikolajewna weg. Die Sache ist die: Kontantin Gawrilowitsch hat sich erschossen...
(Vorhang.)

__