Literaturbrevier

Kurt Tucholksy: Schloß Gripsholm

»Finnste die Gegend hier, Peter?« sagte die Prinzessin[die Freundin].
[...]
»Ja ...«, sagte ich. »Die Gegend ...«
»Du könntest für mein Geld wirklich etwas Gescheiteres von dir geben«, sagte sie. »Zum Beispiel: diese Landschaft ist wie erstarrte Dichtkunst, oder sie erinnert mich an Fiume, nur ist da die Flora katholischer — oder so.«

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Manchmal [...] dachte ich doch auch: »Wie schön, daß du da bist ... und nicht hier!« — aber wenn ich die Lydia so neben mir sitzen sah, da sagte ich es nun wirklich. Warum —?
Natürlich deswegen. In erster Linie ...? Ich weiß das nicht. Wir wußten nur dieses: Eines der tiefsten Worte der deutschen Sprache sagt von zwei Leuten, daß sie sich nicht riechen können. Wir konnten es, und das ist, wenn es anhält, schon sehr viel. Sie war mir alles in einem: Geliebte, komische Oper, Mutter und Freund. Was ich ihr war, habe ich nie ergründen können.

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Wenn wir aber nach vorn heraus wohnen, dann klingelt da alle Viertelstunde die Rathausuhr und erinnert uns an die Vergänglichkeit der Zeit.

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Ich sah die Prinzessin von der Seite an. Manchmal war sie wie eine fremde Frau, und in diese fremde Frau verliebte ich mich immer aufs neue und mußte sie immer aufs neue erobern.

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Wir nehmen uns einen Dolmetscher, und mit dem fahren wir über das Land und suchen uns eine ganz billige Hütte, und da sitzen wir still, und dann wil ich nie wieder einen Kilometer reisen.

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Aber nun verging ein Tag nach dem andern, und wir hatten viele Gespräche mitangehört, hatten unzählige Male vernommen, wie die Leute sagten, was die Schweden immer so sagen, in allen Lagen des menschlichen Lebens: »Jasso ...«[jaja, so ist es] und auch ihr »Nedo«[nein, nicht heute] und was man so spricht, wenn man nichts zu sagen hat.

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Ich kann nicht sehen. Es gibt Augenmenschen, und es gibt Ohrenmenschen, ich kann nur hören. Eine Achtelschwingung im Ton einer Unterhaltung: das weiß ich noch nach vier Jahren. Ein Gemälde? Das ist bunt. Ich weiß nichts vom Stil dieses Schlosses — ich weiß nur: wenn ich mir eins baute, so eins baute ich mir.

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Das Kind stand am Fenster und dachte so etwas wie: Wann hört dies auf? Dies hört nie auf. Wann hört dies auf?

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Nun weinte es[das Kind] das bitterste Weinen, das Kinder weinen können: jenes, das innerlich geweint wird und das man nicht hört.

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Sie ging dabei auf die Kleine zu und gab ihr eine Art Knuff gegen den Kopf — es war nicht einmal eine Ohrfeige; der Schlag ignorierte, daß da ein Kopf war: er verfügte nur über das vorhandene Material.

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Man soll nie jemand nach dem fragen, was man wissen will, das ist eine alte Weisheit. Dann sagt ers nicht.

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Es war ein strahlender Tag — ein Wetter, wie die Prinzessin sagte, ein Wetter zum Eierlegen.

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Sich auf jemand verlassen können! Einmal mit jemand zusammen sein, der einen nicht mißtrauisch von der Seite ansieht, wenn irgend ein Wort fällt, das vielleicht die als Berufsinteressen verkleidete Eitelkeit verletzen könnte, einer, der nicht jede Minute bereit ist, das Visier herunterzulassen und anzutreten auf Tod und Leben ... ach, darauf treten die Leute gar nicht an — sie zanken sich schon um eine Mark fünfzig ... um einen alten Hut ... um Klatsch ... Zwei Männe kenne ich auf der Welt; wenn ich bei denen nachts anklopfte und sagte: Herrschaften, so und so ... ich muß nach Amerika — was nun? Sie würden mir helfen. Zwei — einer davon war Karlchen.
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Freundschaft, das ist wie Heimat. Darüber wurde nie gesprochen, und leichte Anwandlungen von Gefühl wurden, wenn nicht ernste Nachtgespräche stattfanden, in einem kalten Guß bunter Schimpfwörter erstickt. Es war sehr schön.

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Und da war es.
Da war die Zeit.
Wir hatten geglaubt, der Zeit entrinnen zu können. Man kann das nicht, sie kommt nach.

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Man denkt of, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe.

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Lieber Mann, wir haben das Pech, an das zu nennen, was die Kaffern Proppleme nennen. Damit trösten sie sich.

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  Sie trug ein bunt kariertes Kleid,
  mir tut mein Geld noch heute leid —

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Begehrte er[Karlchen] sie[die Prinzessin] —?
Natürich begehrte er sie. Aber dies war ungeschriebenes Gesetz zwischen uns: Totem und Tabu ... Unter welchem Tier wir geboren waren, wußten wir nicht; aber es mußte wohl das gleiche sein.

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Und wieder fühlte ich, zum hundertsten Male in so vielen Jahren, das Unausgesprochene dieser Freundschaft, das Fundament, auf dem sie ruhte.

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Oft, wenn ich nicht weiter wußte, dachte ich: Was täte Karlchen jetzt? Und dann ging es wieder eine Weile. Eine richtige Männefreundschaft ... das ist wie ein Eisberg: nur das letzte Viertel sieht man aus dem Wasser. Der Rest schwimmt unten; man kann ihn nicht sehn. Klamauk — Klamauk ist nur schön, wenn er auf Ernst beruht.

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Herr Petkoff pflegte Geschichten zu erzählen, die sich durch besondere Pointenlosigkeit auszeichneten, aber sie endeten alle im Puff.

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Lasset die Jahre reden.

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»Gib mir mal 'n Zigarettchen!« sagte Karlchen, der gern andrer Leute Zigaretten rauchte und ihre Zahnpasten benutzte. (»Freundschaft muß man ausnutzen«, legte er zu sagen.)

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»Was gibt es zu essen?« erkundigte sich Karlchen. »Was möchten Sie denn?« fragte die Prinzessin. »Ich möchte am liebsten Murmeltierschwanzsuppe.« — »Wie bitte?« — »Kennt ihr das nicht? Die jungen Leute! Zu meiner Zeit ... also Murmeltierschwanzsuppe wird ihm hohen Norden von den Eskimos gewonnen. Sie jagen das Murmeltier so lange, bis es vor Schreck den Schwanz verliert, und auf diese Weise —« Worauf wir ihm zwei Kissen an den Kopf warfen, und dann gingen wir hinunter und aßen.

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Wir redeten uns besoffen.

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Meist bildeten die Beiden[die Prinzessin und Sibylle, genannt Billie] eine Einheit — nicht etwa gegen mich ... aber ein bißchen ohne mich. Bei aller Zuneigung: wenn ich dann neben ihnen ging, fühlte ich plötzlich jenes ganz ate Kindergefühl, das due kleinen Jungen manchmal haben: Frauen sind fremde, andre Wesen[...].

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»Was mag das für einer[gemeint ist ein Vogel] gewesen sein?«, sagte Billie. »Das war ein Amselbulle«, sagte die Prinzessin. »Ah — dumm — das war doch keine Amsel ...«, sagte Billie. »Ich will euch was sagen«, sprach ich gelehrt, »bei solchen Antworten kommt es gar nicht darauf an, obs auch stimmt. Nur stramm antworten! Jakopphat mal erzählt, wenn sie mit ihrem Korps einen Ausflug gemacht haben, dann war da immer einer, das war der Auskunftshirsch. Der mußte es alles wissen. Und wenn er gefragt wurde: Was ist das für ein Gebäude? — dann sagte er a tempo: Das ist die Niedersächsische Kreis-Sparkasse! Er hatte keinen Schimmer, aber aller Welt war beruhigt: eine Lücke war ausgefüllt. So ist das.« Die Mädchen lächelten höflich, ich war auf einmal allein mit meinem Spaß. Nur ein Sekündlein, dann war es vorbei. Sie standen auf.

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»Man muß«, hat ein kluger Inder gesagt, »den Tiger vor der Jagd in Gedanken töten — der Rest ist dann nur noch eine Formalität.«

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Schade, daß man nicht dabei sein kann, wenn die andern über uns sprechen — man bekäme dann einigermaßen die richtige Meinung von sich.

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Es regnete. Schön ist das, durch so einen frischen Regen zu gehn ... wie heißt der alte Spruch? Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur gute Kleider.

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»Gib mal Billie[Sibylle] einen Kuß!« sagte die Prinzessin halblaut. Mein Zwerchfell hob sich — ist das der Sitz der Seele? Ich richtete mich auf und küßte Billie. Erst ließ sie mich nur gewähren, dann war es, wie wenn sie aus mir tränke. Lange, lange ... Dann küßte ich die Prinzessin. Das war wie Heimkehr aus fremden Ländern. [...]
Wir waren »außer uns«, denn jeder war beim andern.

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Sie[die Frau Adriani] war auf das Kind zugegangen, das sich duckte. Ich trat mit einem raschen Satz dazwischen. Wir sahen uns einen Augenblick an, die Frau Adriani und ich; in diesem Blick war so viel körperliche Intimität, daß mir graute. Dieser Kampf war der Gegenpol der Liebe — wie jeder Kampf.

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Um ein Haar hätte sie mir leid getan, aber ich wußte, wie gefährlich dieses Mitleid war und wie verschwendet.

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