Literaturbrevier

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen

MORITZ. Hast du sie schon empfunden?
MELCHIOR. Was?
MORITZ. Wie sagtest du?
MELCHIOR. Männliche Regungen?
MORITZ. M-hm.
MELCHIOR. — Allerdings!
MORITZ. Ich auch. — — — [...]
MELCHIOR. Du hattest geträumt?
MORITZ. Aber nur ganz kurz ....... [...] Wenn du wüsstest, was ich ausgestanden seit jener Nacht!
MELCHIOR. Gewissensbisse?
MORITZ. Gewissensbisse?? — — — T o d e s a n g s t!
MELCHIOR. Herrgott...

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MARTHA. Bist du nicht stolz auf dich, Wendla?
WENDLA. Das wäre doch einfältig.
MARTHA. Wie wollt ich stolz sein an deiner Stelle.
THEA. Sieh doch nur, wie sie die Füße setzt — wie sie geradeaus schaut — wie sie sich hält, Martha! — Wenn das nicht Stolz ist!
WENDLA. Wozu nur?! Ich bin so glücklich, Mädchen zu sein; wenn ich kein Mädchen wär, brächt ich mich um, um das nächste Mal ...
(Melchior geht vorüber und grüßt.)
THEA. Er hat einen wundervollen Kopf.
MARTHA. So denke ich mir den jungen Alexander, als er zu Aristoteles in die Schule ging.

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ROBERT. Kurz und gut, Moritz Stiefel ist ins   K o n f e r e n z z i m m e r   gedrungen.
MELCHIOR. Ins Konferenzzimmer ...?
OTTO. Ins Konferenzzimmer! — Gleich nach Schluss der Lateinstunde.
GEORG. Er war der letzte; er blieb absichtlich zurück.
[...]
HÄNSCHEN RILOW. Da ist er!
MELCHIOR. Blass wie ein Handtuch!
(MORITZ kommt in äußerster Aufregung.)
LÄMMERMEIER. Moritz, Moritz, was du getan hast!
MORITZ. — — Nichts — — nichts — —
ROBERT. Du fieberst!
MORITZ. — Vor Glück — vor Seligkeit — vor Herzensjubel —
OTTO. Du bist erwischt worden?!
MORITZ. Ich bin promoviert! — Melchior, ich bin promoviert! — O jetzt kann die Welt untergehn! — Ich bin promoviert! — Wer hätte geglaubt, dass ich promoviert werde! — Ich fass es noch nicht! — Zwanzigmal hab ich's gelesen! — Ich kann's nicht glauben — du großer Gott, es blieb! Es blieb! Ich bin   p r o m o v i e r t! — (Lächelnd.) Ich weiß nicht — so sonderbar ist mir — der Boden dreht sich ... Melchior, Melchior, wüsstest du, was ich durchgemacht!
HÄNSCHEN RILOW. Ich gratuliere, Moritz. — Sei nur froh, dass du so weggekommen!

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OTTO. Ich wette fünf Mark, dass du Platz machst.
MORITZ. Du hast ja nichts. Ich will dich nicht ausrauben.

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MORITZ. Jetzt kann ich's ja sagen — mögt ihr daran glauben oder nicht — jetzt ist ja alles gleichgültig — ich — ich weiß, wie wahr es ist: Wenn ich nicht promoviert worden wäre, hätte ich mich erschossen.
ROBERT. Prahlhans!
GEORG. Der Hasenfuß!
OTTO. Dich hätte ich schießen sehen mögen!
LÄMMERMEIER. Eine Maulschelle drauf!
MELCHIOR (gibt ihm eine). — — Komm, Moritz. Gehn wir zum Försterhaus!
GEORG. Glaubst du vielleicht an den Schnack?
MELCHIOR. Schert dich das? — — Lass sie schwatzen, Moritz! Fort, nur fort, zur Stadt hinaus!

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HÄNSCHEN RILOW (ein Licht in der Hand, verriegelt die Tür hinter sich und öffnet den Deckel). Hast du zu Nacht gebetet, Desdemona? (Er zieht eine Reproduktion der Venus von Palma Vecchio aus dem Busen.) — Du siehst mir nicht nach Vaterunser aus, Holde — kontemplativ des Kommenden gewärtig, wie in dem süßen Augenblick aufkeimender Glückseligkeit, als ich dich bei Jonathan Schlesinger im Schaufenster liegen sah — ebenso berückend noch diese geschmeidigen Glieder, diese sanfte Wölbung der Hüften, diese jugendlich straffen Brüste — o, wie berauscht von Glück muss der große Meister gewesen sein, als das vierzehnjährige Original vor seinen Blicken hingestreckt auf dem Diwan lag!

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HÄNSCHEN RILOW. Wirst du mich auch bisweilen im Traum besuchen? — Mit ausgebreiteten Armen empfang ich dich und will dich küssen, dass dir der Atem ausgeht. Du ziehst bei mir ein wie die angestammte Herrin in ihr verödetes Schloss. Tor und Türen öffnen sich von unsichtbarer Hand, während der Springquell unten im Parke fröhlich zu plätschern beginnt ...

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ZUNGENSCHLAG. Wenn die he-herrschende A-A-Atmosphäre maßgebenderseits wenig oder nichts zu wünschen übrig lässt, so möchte ich den Antrag stellen, während der So-Sommerferien auch noch das andere Fenster zu-zu-zu-zu-zu-zu-zu-zu-zuzumauern!
FLIEGENTOD. WEnn unserem lieben Kollega Zungenschlag unser Lokal nicht genügend ventiliert erscheint, so möchte ich den Antrag stellen, unserem lieben Herrn Kollega Zungenschlag einen Ventilator in die Stirnhöhle applizieren zu lassen.

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HERR GABOR. Das Hauptgewicht legt man in der Anstalt auf Entwicklung einer christlichen Denk- und Empfindungsweise. Der Junge lernt dort endlich, das   G u t e &nsbp; wollen statt des   I n t e r e s s a n t e n, und bei seinen Handlungen nicht sein Naturell, sondern das   G e s e t z   in Frage ziehen.

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MELCHIOR. Er hat die verunglückteste Physiognomie auf der Abteilung.

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HÄNSCHEN. Denke dir die Zukunft als Milchsette mit Zucker und Zimt. Der eine wirft sie um und heult, der andere rührt alles durcheinander und schwitzt.

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ERNST. Schöpfen wir ab, Hänschen! — Warum lachst du?
HÄNSCHEN. Fängst du schon wieder an?
ERNST. Einer muss ja doch anfangen!
HÄNSCHEN. Wenn wir in dreiß Jahren an einen Abend wie heute zurückdenken, erscheint er uns vielleicht unsagbar schön!
ERNST. Und wie macht sich jetzt alles so ganz von selbst!
HÄNSCHEN. Warum also nicht!
ERNST. Ist man zufällig allein &Mdash; dann weint man vielleicht gar.
HÄNSCHEN. Lass uns nicht traurig sein! — (Er küsst ihn auf den Mund.)
ERNST (küsst ihn). Ich ging von Hause fort mit dem Gedanken, dich nur eben zu sprechen und wieder umzukehren.

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MELCHIOR. Sei der Humorist, was er sei; Sie sagen mir, wer Sie sind, oder ich reiche dem Humoristen die Hand!
DER VERMUMMTE HERR. — Nun?
MORITZ. Er hat recht, Melchior. Ich habe bramarbasiert. Lass dich von ihm traktieren und nütz ihn aus. Mag er noch so vermummt sein — er ist es wenigstens!
MELCHIOR. Glauben Sie an Gott?
DER VERMUMMTE HERR. Je nach Umständen.
MELCHIOR. Wollen Sie mir sagen, wer das Pulver erfunden hat?
DER VERMUMMTE HERR. Berthold Schwarz — alias Konstantin Anklitzen — um 1330 Franziskanermönch zu Freiburg im Breisgau.
MORTIZ. Was gäbe ich darum, wenn er es hätte bleiben lassen!
DER VERMUMMTE HERR. Sie würden sich eben erhängt haben!
MELCHIOR. Wie denken Sie über Moral?
DER VERMUMMTE HERR. Kerl — bin ich dein Schulknabe?!
MELCHIOR. Weiß ich, was Sie sind!!
MORITZ. Streitet nicht! — Bitte, streitet nicht. Was kommt dabei heraus! — Wozu sitzen wir, zwei Lebendige und ein Toter, nachts um zwei Uhr hier auf dem Kirchhof beisammen, wenn wir streiten wollen wie Saufbrüder!

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MELCHIOR. Leb wohl, lieber Moritz. Wo dieser Mensch mich hinführt, weiß ich nicht. Aber er ist ein Mensch ...
MORITZ. Lass mich's nicht entgelten, Melchior, dass ich dich umzubringen suchte! Es war alte Anhänglichkeit.
[...]
MELCHIOR. Leb wohl, Moritz! Nimm meinen herzlichen Dank dafür, dass du mir noch erschienen. Wie manchen frohen ungetrübten Tag wir nicht miteinander verlebt haben in den vierzehn Jahren! Ich verspreche dir, Moritz, mag nun werden was will, mag ich in den kommenden Jahren zehnmal ein anderer werden, mag es aufwärts oder abwärts mit mir gehen, d i c h   werde ich nie vergessen ...
MORITZ. Dank, dank, Geliebter.
MELCHIOR. ... und wenn ich einmal ein alter Mann in grauen Haaren bin, dann stehst gerade du mir vielleicht wieder näher als alle Mitlebenden.
MORITZ. Ich danke dir. — Glück auf den Weg, meine Herren! — Lassen Sie sich nicht länger aufhalten.

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