Literaturbrevier

Frank Wedekind: Lulu

Es gibt Dinge, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt.

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SCHWARZ. Sie verstehen keinen Scherz.
LULU. Doch, ich verstehe alles. Lassen Sie mich nur frei. Mit Gewalt erreichen Sie gar nichts bei mir. Gehen Sie an Ihre Arbeit. Sie haben kein Recht, mich zu belästigen.

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SCHWARZ(geht auf sie zu, ergreift ihre Hand). Sieh mir ins Auge!
LULU(ängstlich). Was wollen Sie . . .
SCHWARZ. Sieh mir in die Augen!
LULU. Ich sehe mich darin.

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SCHWARZ. Kannst du die Wahrheit sagen?
LULU. Ich weiß es nicht.
SCHWARZ. Glaubst du an einen Schöpfer?
LULU. Ich weiß es nicht.
SCHWARZ. Kannst du bei etwas schwören?
LULU. Ich weiß es nicht. Lassen Sie mich! Sie sind verrückt!
SCHWARZ. Woran glaubst du denn?
LULU. Ich weiß es nicht.
SCHWARZ. Hast du denn keine Seele?
LULU. Ich weiß es nicht.
SCHWARZ. Hast du schon einmal geliebt — ?
LULU. Ich weiß es nicht.
SCHWARZ(für sich). Sie weiß es nicht!
LULU(ohne sich zu rühren). Ich weiß es nicht.

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Du kannst kein Pflichtgefühl fordern, bevor du nicht deine eigene Aufgabe kennst.

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SCHÖN (zu Lulu). Als was kommst du jetzt?
LULU. Als Blumenmädchen . . .
SCHÖN (zu Alwa). In Trikots?
ALWA. Nein. In fußfreiem Kleid.
SCHÖN. Du hättest dich lieber nicht mit dem Symbolismus einlassen sollen!

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Er glaubt an keine Kunst. Er glaubt nur an Zeitungen.

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Sie können niemanden leiden sehen. Sie sind das verkörperte Lebensglück.

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Sie haben ein unbegrenztes Vertrauen in meine Ehrenhaftigkeit! Sie glauben nicht nur, daß ich ein bestrickendes Menschenkind bin; Sie glauben auch, daß ich ein herzensgutes Geschöpf bin. Ich bin weder das eine, noch das andere. Das Unglück für Sie ist nur, daß Sie mich dafür halten.

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Warum hast du mich nicht besser erzogen?

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Ich mich scheiden lassen! Läßt man sich scheiden, wenn die Menschen ineinander hineingewachsen und der halbe Mensch mitgeht?

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Das ist der Fluch, der auf unserer jungen Literatur lastet, daß wir viel zu literarisch sind. Wir kennen keine andere Fragen und Probleme als solche, die unter Schriftstellern und Gelehrten auftauchen. Unser Gesichtskreis reicht über die Grenzen unserer Zunftinteressen nicht hinaus. Um wieder auf die Fährte einer großen gewaltigen Kunst zu gelangen, müßten wir uns möglichst viel unter Menschen bewegen, die nie in ihrem Leben ein Buch gelesen haben, denen die einfachsten animalischen Instinkte bei ihren Handlungen maßgebend sind.

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Bald sind es zehn Jahre, daß wir uns nicht mehr kennen.

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Das Leben ist nie so schlimm, wie man es sich vorstellt.

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