Literaturbrevier

Frank Wedekind: Der Marquis von Keith

v. K e i t h. Zamrjaki unterstütze ich, weil er das größte musikalische Genie ist, das seit Richard Wagner lebt. Aber diese Straßenräuber sind doch wohl kein schicklicher Umgang für Sie!
H e r m a n n. Ich finde diese Straßenräuber interessant. Ich kenne die Herren von einer Versammlung der Anarchisten her.
v. K e i t h. Ihrem Vater muß es eine erfreuliche Überraschung sein, daß Sie Ihren Lebensweg damit beginnen, sich in revolutionären Versammlungen herumzutreiben.

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A n n a. Die Bianchi sagt mir, ich könne in einem Jahr die erste Wagnersängerin Deutschlands sein.
v. K e i t h. Vielleicht bist du auch in einem Jahr so weit, daß sich die ersten Wagnersängerinnen um deine Protektion bemühen.
A n n a. Mir soll's recht sein. Mit meinem beschränkten weiblichen Verstande sehe ich allerdings nicht ein, auf welche Weise es mit mir gleich so hoch hinaus soll.

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A n n a. Ich habe seit einiger Zeit vor lauter Lebenslust manchmal Selbstmordgedanken.

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M o l l y. Erlaube mir nur so lange, bis du die Arme frei hast, noch für dich zu arbeiten.
v. K e i t h. Tue, was du nicht lassen kannst! Du weißt, daß mir an einer Frau nichts unsympathischer ist, als wenn sie arbeitet.
M o l l y. Um deinetwillen mache ich noch keinen Affen und keinen Papagei aus mir. Wenn ich mich an den Waschtrog stelle, statt halbnackt mit dir auf Redouten zu fahren, so werde ich dich damit wohl nicht zugrunde richten.
v. K e i t h. Dein Starrsinn hat etwas Überirdisches.
M o l l y. Das glaube ich, da&Szlig; das deine Kapazität übersteigt!
v. K e i t h. Wenn ich dich auch begriffe, damit wäre dir leider nicht geholfen.

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v. K e i t h. Die Wahrheit ist unser kostbarstes Lebensgut, und man kann nicht sparsam genug damit umgehen.

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v. K e i t h. Ich fahre übrigens vorher noch auf einige Tage nach Paris.
S a r a n i e f f. Man will Ihre Ansichten über ein deutsch-französisches Schutz-und-Trutz-Bündnis hören?
v. K e i t h. Aber sprechen Sie nicht davon!
S c h o l z. Ich wußte gar nicht, daßdu dich auch in der Politik betätigst!
S a r a n i e f f. Wissen Sie vielleicht irgend etwas, worin sich der Marquis von Keith nicht betätigt?
v. K e i t h. Ich will mir nicht vorwerfen lassen, daß ich mich um meine Zeit nicht gekümmert habe!
S c h o l z. Hat man denn nicht genug mit sich selbst zu tun, wenn man das Leben ernst nimmt?

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M o l l y   G r i e s i n g e r (kommt aus dem Wohnzimmer und legt Saranieff ein Kuvert vor).
S a r a n i e f f. Heißen Dank, gnändige Frau; Sie sehen, ich habe schon alles aufgegessen. Verzeihen Sie, daß ich noch nicht Gelegenheit nahm, Ihnen die Hand zu küssen.
M o l l y. Sparen Sie Ihre Komplimente doch für würdigere Gelegenheiten!

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M o l l y. Nimmt mich nur wunder, was Sie in diesem Narrenturm suchen!

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H e r m a n n. Aber — wenn Sie so grenzenlos unglücklich sind und wissen, — daß Sie noch glücklich werden können, warum — warum lassen Sie sich dann nicht scheiden?
M o l l y. Reden Sie doch um Gottes willen nicht über Dinge, von denen Sie nichts verstehen! Wenn man hingehen will, um sich scheiden zu lassen, muß man erst einmal verheiratet sein.

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A n n a. Sehen Sie, ich teile die Menschen in zwei große Klassen. Die einen sind hopp-hopp, und die andern sind ethe-petete.
H e r m a n n. Ich bin Ihrer Ansicht nach natürlich ethe-petete.
A n n a. Wenn Sie nicht einmal sagen dürfen, wozu Sie all das viele Geld nötig haben . . .
H e r m a n n. Jedenfalls nicht, weil ich ethe-petete bin!
A n n a. Das habe ich Ihnen doch auf den ersten Blick angesehen: Sie sind hopp-hopp!
H e r m a n n. Das bin ich auch; sonst bliebe ich gemütlich in München.
A n n a. Aber Sie wollen hinaus in die Welt!
H e r m a n n. Und Sie möchten gerne wissen, wohin. Nach Paris — nach London.
A n n a. Paris ist heutzutage doch gar nicht mehr Mode!

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R a s p e. Wenn man, wie Sie, wie vom Galgen geschnitten aussieht, dann ist es keine Kunst, ehrlich durchs Leben zu kommen. Ich wollte sehen, wo Sie mit meinem Engelsgesicht heute steckten!
v. K e i t h. Ich hätte mit Ihrem Gesicht eine Prinzessin geheiratet.

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A n n a. Wer will bei dir wissen, wo die Berechnung aufhört!
v. K e i t h. Was dachtest du dir denn?
A n n a. Ich glaubte, du wolltest mich bei deinem Freund als Dirne verwerten.
v. K e i t h. Das traust du mir zu?!
A n n a. Du sagtest vor einer Minuate noch, daß du jeden Sterblichen nach seinen Talenten verwertest. Und daß ich Talent zur Dirne habe, das wird doch wohl niemand in Zweifel ziehen.

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S c h o l z. Ich gehöre nicht unter Menschen! Du beklagst dich, du stehest außerhalb der Gesellschaft; ich stehe außerhalb der Menschheit!

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S c h o l z. Du hängst an der Welt wie eine Dirne an ihrem Zuhälter. Dir ist es unverständlich, daß man sich zum Ekel wird wie ein Aas, wenn man nur um seiner selbst willen existiert.

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S c h o l z. Ich fürchte nicht, daß mir Simba zu nahe tritt; ich fürchte Simba zu kränken, wenn ich sie hier ohne die geringste Veranlassung übersehe.
v. K e i t h. Wie solltest du denn Simba damit kränken! Simba versteht sich hundertmal besser auf Standesunterschiede als du.
S c h o l z. Auf Standesunterschiede habe ich mich gründlich verstehen gelernt! Das sind weiß Gott diejenigen Fesseln, in denen sich der Mensch am allereindringlichsten seiner vollkommenen Ohnmacht bewußt wird!

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S c h o l z. Darin liegt meine Unwiderstehlichkeit! Je weniger Sie für mich empfinden, desto größer und mächtiger wird in mir meine Liebe zu Ihnen, desto näher sehe ich den Augenblick, wo Sie sagen: Ich kämpfte gegen dich mit allem, was mir zu Gebote stand, aber ich liebe dich!
A n n a. Bewahre mich der Himmel davor!!
S c h o l z. Davor bewahrt Sie der Himmel nicht! Wenn ein Mensch von meiner Willenskraft, die sich durch kein Mißgeschick hat brechen lassen, sein ganzes Sinnen und Trachten auf einen Vorsatz konzentriert, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: er erreicht sein Ziel, oder er verliert den Verstand.
A n n a. Darin scheinen Sie wirklich recht zu haben.

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S c h o l z (plötzlich zu sich kommend). Was argwöhnen Sie, gnädige Frau?! — Was argwöhnen Sie?? Sie täuschen sich, Frau Gräfin! — Sie hegen einen entsetzlichen Verdacht...
A n n a. Merken Sie denn noch immer nicht, daß Sie mich aufhalten? — (Ruft.) Kathi!
S c h o l z. Ich kann SIe so unmöglich verlassen! Geben Sie mir die Versicherung, daß Sie nicht an meiner geistigen Klarheit zweifeln!

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v. K e i t h. Das einzig richtige Mittel, seine Mitmenschen auszunützen, besteht darin, daß sie bei ihren guten Seiten nimmt. Darin liegt die Kunst, geliebt zu werden, die Kunst, recht zu behalten.

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v. K e i t h (giftig). Wenn du es für deine moralische Pflicht hältst, die Welt von deiner überflüssigen Existenz zu befreien, dann findest du radikalere Mittel als Spazierenfahren und Billardspielen!

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