Literaturbrevier

Christoph Martin Wieland: Briefe

Ich nehme mir die Freiheit, Ihr Hochedelgebornen um einige nähere Nachrichten von Herrn Klopstock zu bitten. Ich bin unter seinen größten Bewunderern.
[...]
Ich bedaure, daß die »Bremischen Beiträge« so voll von solchen Leichtsinnigkeiten sind. Wenn ein Anakreon so scherzt, wie die Unschuld und die wahre Liebe zuweilen scherzt, so gefällt er mir; ich hasse ihn aber, sobald als er mir den Charakter eines leichtsinnigen und überlegungslosen Wollüstlings entdeckt. O wie wohl recht hat Klopstock: »Es floh der Zeiten Jugend, da alles in Unschuld scherzt und liebte.«
[...] Ich liebe Klopstocken so sehr, daß ich keinen Fehler an ihm sehen kann. Wenn er wüßte, wie oft ich nach ihm geseufzet habe, wie ich schon in meinem fünfzehnten Jahre bei seinem Messias geweint habe, und wie ungemein zärtlich mein Herz gegen ihn ist, vielleicht würde er bedauren, daß wir einander wohl nie sehen werden. Und ach! Er weiß nicht einmal, daß ich bin. Wie bedauernswürdig bin ich, daß ich unter kleine Geister verdammt bin.
(Wieland an Johann Jakob Bodmer, 29. Oktober und 4. Februar 1752)

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Je mehr ich also von Gellert halte, desto begieriger bin ich, von Ihnen zu erfahren, was Sie an ihm aussetzen. Ich habe ein gegründetes gutes Vorurteil für Ihre Urteile; und was die meinigen betrifft, so trau' ich denselben immer sehr wenig. Wenn ich in Briefen an Sie urteile, so ist es nur, um Ihnen Anlaß zu geben, mich zu korrigieren oder mir Ihre Gedanken zu sagen.
(Wieland an Johann Jakob Bodmer, am 4. Februar 1752)

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Ich bitte Sie, mäßigen Sie ins künftige Ihre zu große Zärtlichkeit gegen mich, wenn Sie von meinen Schriften reden, und ersparen Sie mir die Verwirrung und den Streit meiner Vernunft mit einer Eigenliebe, welche durch ein zu großes Lob unordentlich bei mir wird. Ich bitte Sie und meine übrigen Zürchschen Freunde, mich so wenig als möglich ist stolz zu machen. Ich bekenne es, daß ich das Lob weniger ertragen kann als den Tadel, ob mir schon jenes süßer dünkt als dieser.
(Wieland an Johann Heinrich Schinz, am 30. Juni 1752)

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Das, was ich, außer der innern Beschaffenheit der Seele, im Äußern mit Bodmern ähnlich habe, ist, daß ich Wasser(kein Bier und keinen Wein!) trinke, allen großen Gesellschaften von Herzen feind bin, und wo ich darein gezwungen werde, wegen meiner Stille vor einen Pedanten oder Leutescheu gehalten werde; da ich hingegen bei wenigen, die nach meinem Geschmack sind, meist sehr munter, vergnügt und heiter bin. Ohne Zweifel wird sich Herr Bodmer mit viel mehrerm Anstand aus großen Gesellschaften ziehen als ich; aber dieses habe ich doch mit ihm gemein, daß ich sie nicht liebe.
(Wieland an Johann Heinrich Schinz, am 30. Juni 1752)

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Ein ehrliches, arbeitsames Bauer-Mensch ist in meinen Augen eine vorfrefflichere Kreatur als eine brillante Kokette; zum Umgang aber wünschte ich mir die letzte so wenig als die erste.
(Wieland an Johann Georg Zimmermann, 11. Jänner 1757)

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GLauben Sie wohl, daß mir die Komischen Erzählungen gerade acht Louisdor eingetragen haben? Dem ungeachtet, und weil ich in meinen Nebenstunden weder immer schlafen, noch immer mit meinen Herren und Obern L'hombre spielen mag, so will ich fortfahren, mit den Musen zu kurzweilen, so lange ich kann; vielleicht auch dann noch, wenn ich nicht mehr kann.
(Wieland an Johann Georg Zimmermann, 10. Juli 1766)

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Das ärgste ist, daß wir uns zu Tode schreiben können, ohne daß darum ein einziger Schurke weniger in der Welt wird.
(Wieland an Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 17. Oktober 1774)

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Weimar, 10. November 1775
Dienstags, den 7. d. M., morgens um fünf Uhr, ist Goethe in Weimar angelangt. O bester Bruder, was soll ich Dir sagen? Wie ganz der Mensch beim ersten Anblick nach meinem Herzen war! Wie verliebt ich in ihn wurde, da ich am nämlichen Tage an der Seite des herrlichen Jünglings zu Tische saß!
Alles, was ich Ihnen (nach mehr als einer Krisis, die in mir diese Tage über vorging) jetzt von der Sache sagen kann, ist dies: Seit dem heutigen Morgen ist meine Seele so voll von Goethe, wie ein Tautropfe von der Morgensonne.
(Wieland an Friedrich Heinrich Jacobi, 10. November 1775)

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Weimar, 8. Januar 1776
Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Goethe, Lavater, Herder, warum sollten sie nicht auch meine Freunde sein? Seit ich dies Kleeblatt kenne, sind sie meine Heiligen.
Ich lebe nun neun Wochen mit Goethen und lebe, seit unserer Seelenvereinigung so unvermerkt und ohne allen effort nach und nach zustande gekommen, ganz in ihm.
Es ist in allen Betrachtungen und von allen Seiten das größte, beste, herrlichste menschliche Wesen, das Gott geschaffen hat. Dies sag' ich meinem Zimmermann, weil er's beinahe mit eben so innigem Vergnügen lesen wird, als womit ich's ihm schreibe. Möcht ich's der ganzen Welt sagen dürfen! Möcht' alle Welt den liebenswürdigsten der Menschen so kennen, so durchschauen, so lieben wie ich.
Heute war eine Stunde, wo ich in erst in seiner ganzen Herrlichkeit — der ganzen schönen gefühlvollen reinen Menschheit sah. Außer mir kniet' ich neben ihn, drückte meine Seele an seine Brust und betete Gott an.
(Wieland an Johann Georg Zimmermann, 8. Jänner 1776)

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Und was wird sich der neue Prometheus für lustige Kontorsionen geben, um uns weiszumachen, daß dieser Faust das Nonplusultra des menschlichen Geistes und das göttlichst-menschlichste und teuflischste aller Dichterwerke sei? Man muß gesstehen, daß wir in unsern Tagen Dinge erleben, wovon vor fünfundzwanzig Jahren noch kein Mensch sich nur die Möglichkeit hatte träumen lassen.
(Wieland an Joseph Friedrich von Retzer, 20. Juni 1808)

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