Literaturbrevier

Christoph Martin Wieland: Oberon

Ist's Wahn: o laß ihn mir! die Täuschung ist so süß!
(Vierter Gesang)

__

Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,
Den ersten Schmerz, die erste Lust empfand,
Sey immerhin unscheinbar, unbekannt,
Mein Herz bleibt ewig doch vor allen dir gewogen,
Fühlt überall nach dir sich heimlich hingezogen,
Fühlt selbst im Paradies sich doch aus dir verbannt,
O möchte wenigstens mich nicht die Ahnung trügen,
Bey meinen Vätern einst in deinem Schooß zu liegen!
(Vierter Gesang)

__

Der Sultan, übertäubt von so viel Wunderdingen,
Scheint mit dem Tod den letzten Kampf zu ringen;
Sein Arm ist nervenlos, sein Athem schwer,
Sein Puls schlägt matt, und endlich gar nicht mehr.
(Fünfter Gesang)

__

Ein sanfter Druck der warmen Hand,
Ein Seufzer, der das volle Herz entladet,
Ein leiser Kuß, der Rosenwang' entwandt,
Und, o ein Blick, in Amors Thau gebadet,
Was überzeugt, gewinnt und rührt wie dieß?
Was geht so schnell, trotz dem behendsten Pfeile,
Von Herz zu Herz, trifft so gewiß
Den Zweck, und macht so wenig lange Weile?
(Sechster Gesang)

__

Nie war ein junges Paar in Liebessachen neuer;
Doch eben darum hing ihr Loos an einem Haar.
Ihr ganzes Glück auf ewig zu zerstören,
Braucht's einen Augenblick, worin sie sich verlieren.
(Sechster Gesang)

Viel Trübsal noch, auch viel der besten Freuden,
(Oft sind's nur Stärkungen auf neue größre Leiden)
Erwarten euch.
(Neunter Gesang)

__