Literaturbrevier

Ludwig Wittgenstein: Über Gewißheit

71. Wenn mein Freund sich eines Tages einbildete, seit langem da und da gelebt zu haben, etc. etc., so würde ich das keinen Irrtum nennen, sondern eine, vielleicht vorübergehende, Geistesstörung.

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75. Wäre dies richtig: Wenn ich bloß fälschlich glaubte, daß hier vor mir ein Tisch steht, so könnte das noch ein Irrtum sein; wenn ich aber fäschlich glaube, daß ich diesen oder einen solchen Tisch seit mehreren Monaten täglich gesehn und ständig benützt habe, so ist das kein Irrtum?

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79. Daß ich ein Mann und keine Frau bin, kann verifiziert werden, aber wenn ich sagte, ich sei eine Frau, und den Irrtum damit erklären wollte, daß ich die Aussage nicht geprüft habe, würde man die Erklärung nicht gelten lassen.

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108. [...] Von Einem, der dies sagte, würden wir uns geistig sehr entfernt fühlen.

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141. Wenn wir anfangen, etwas zu glauben, so nicht einen einzelnen Satz, sondern ein ganzes System von Sätzen.

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148. Warum überzeuge ich mich nicht davon, daß ich noch zwei Füße habe, wenn ich mich von dem Sessel erheben will? Es gibt kein warum. Ich tue es einfach nicht. So handle ich.

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206. Wenn Einer uns fragte »Aber ist das wahr?«, könnten wir ihm sagen »Ja«; und wenn er Gründe verlangte, so könnten wir sagen »Ich kann dir keine Gründe geben, aber wenn du mehr lernst, wirst du auch dieser Meinung sein«.
Käme es nun nicht dahin, so hieße das, daß er, z.B., Geschichte nicht lernen kann.

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207. »Seltsamer Zufall, daß alle die Menschen, deren Schädel man geöffnet hat, ein Gehirn hatten!«

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237. »Dieser Berg hat vor einer Minute nicht existiert, sondern ein genau gleicher.«

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242. Müssten wir nicht auf Schritt und Tritt sagen: »Ich glaube dies mit Bestimmtheit«?

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314. Denk dir, der Schüler fragte wirklich: »Und ist ein Tisch auch da, wenn ich mich umdrehe; und auch, wenn ihn niemand sieht?« Soll da der Lehrer ihn beruhigen? und sasgen »Freilich ist er da!« —
Vielleicht wird der Lehrer ein bißchen ungeduldig werden, sich aber denken, der Schüler werde sich solche Fragen schon abgewöhnen.

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315. D. h. der Lehrer wird empfinden, dies sei eigentlich keine berechtigte Frage.
Und gleichermaßen, wenn der Schüler die Gesetzlichkeit der Natur, also die Berechtigung zu Induktionsschlüssen, anzweifelte. — Der Lehrer würde empfinden, daß das ihn und den Schüler nur aufhält, daß er dadurch im Lernen nur steckenbliebe und nicht weiterkäme. — Und er hätte recht. Es wäre, als sollte jemand nach einem Gegenstand im Zimmer suchen; er öffnet eine Lade und sieht ihn nicht darin; da schließt er sie wieder, wartet und öffnet sie wieder, um zu sehen, ob er jetzt nicht etwa darin sei, und so fährt er fort. Er hat noch nicht suchen gelernt. Und so hat jener Schüler noch nicht fragen gelernt. Nicht das Spiel gelernt, das wir ihn lehren wollen.

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316. Und ist es nicht dasselbe, wie wenn der Schüler den Geschichtsunterricht aufhielte durch Zweifel darüber, ob die Erde wirklich ...[vor hundert Jahren existierte etc.]?

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332. Denk dir, jemand würde, ohne philosophieren zu wollen, sagen: »Ich weiß nicht, ob ich je auf dem Mond gewesen bin; ich erinnere mich nicht, jemals dort gewesen zu sein.« (Warum wäre dieser Mensch von uns so grundverschieden?)
Vor allem: Wie wüßte er denn, daß er auf dem Mond ist? Wie stellt er sich das vor? Vergleiche: »Ich weiß nicht, ob ich je im Dorfe X war.« Aber ich könnte auch das nicht sagen, wenn X in der Türkei läge, denn ich weiß daß ich nie in der Türkei war.

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333. Ich frage jemand: »Warst du jemals in China?« Er antwortet: »Ich weiß nicht.« Da würde man doch sagen: »Du weißt es nicht? Hast du irgendeinen Grund zu glauben, du wärest vielleicht einmal dort gewesen? Warst du z.B. einmal in der Nähe der chinesischen Grenze? Oder waren deine Eltern dort zur Zeit, da du geboren wurdest?« — Normalerweise wissen Europäer doch, ob sie in China waren oder nicht.

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334. D.h.: der Vernünftige zweifelt daran nur unter den und den Umständen.

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