Literaturbrevier

Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen

Das Mitleid, kann man sagen, ist eine Form der Überzeugung, daß ein Andrer Schmerzen hat.

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Es ist hier nützlich, den Begriff des Bildgegenstandes einzuführen. Ein ›Bildgesicht‹ z. B. wäre die Figur:
      

Ich verhalte mich zu ihm in mancher Beziehung wie zu einem menschlichen Gesicht. Ich kann seinen Ausdruck studieren, auf ihn wie auf den Ausdruck des Menschengesichtes reagieren. Ein Kind kann zum Bildmenschen, oder Bildtier reden, sie behandeln, wie es Puppen behandelt.

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Zu sagen »Ich sehe das jetzt als ...«, hätte für mich so wenig Sinn gehabt, als beim Anblick von Messer und Gabel zu sagen: »Ich sehe das jetzt als Messer und Gabel.« Man würde diese Äußerung nicht verstehen. — Ebensowenig wie diese: »Das ist jetzt für mich eine Gabel«, oder »Das kann auch eine Gabel sein«.

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Ja, wer die Zahl das ›ideale Zahlzeichen‹ nennen wollte, könnte damit eine Verwirrung anrichten.

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Ich möchte die Frage stellen: »Bin ich mir der Raumhaftigkeit, Tiefe, eines Gegenstandes (dieses Schranks z.B.), während ich ihn sehe, immer bewußt?« Fühle ich sie, sozusagen, die ganze Zeit? — Aber stell die Frage in der dritten Person. — Wann würdest du sagen, er sei sich ihrer immer bewußt? wann das Gegenteil? — Man könnte ihn ja fragen, — aber wie hat er gelernt, auf diese Frage zu antworten? — Er weiß, was es heißt »ununterbrochen einen Schmerz fühlen«. Aber das wird ihn hier nur verwirren (wie es auch mich verwirrt).
Wenn er nun sagt, er sei sich der Tiefe fortwährend bewuß, — glaube ich's ihm? Und sagt er, er sei sich ihrer nur von Zeit zu Zeit bewußt(wenn er von ihr redet, etwa) — glaub ich ihm das? Anders aber, wenn er sagt, der Gegenstand komme ihm manchmal flach, manchmal räumlich vor.

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Die sekundäre Bedeutung ist nicht eine ›übertragene‹ Bedeutung. Wenn ich sage »Der Vokal e ist für mich gelb«, so meine ich nicht: ›gelb‹ in übertragener Bedeutung — denn ich könnte, was ich sagen will, gar nicht anders als mittels des Begriffs ›gelb‹ ausdrücken.

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Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem Tröpfchen Sprachlehre.

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Wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen.

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Ich bin sicher, daß er sich nicht verstellt; aber ein Dritter ist's nicht. Kann ich ihn immer überzeugen? Und wenn nicht, macht er dann einen Denk- oder Beobachtungsfehler?

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Ich mag den echten Blick der Liebe erkennen, ihn vom verstellten unterscheiden[...]. Aber ich mag gänzlich unfähig sein, den Unterschied zu beschreiben. Und das nicht darum, weil die mir bekannten Sprachen dafür keine Wörter haben. Warum führe ich dann nicht einfach neue Wörter ein? — Wäre ich ein höchst talentierter Maler, so wäre es denkbar, daß ich in Bildern den echten Blick und den geheuchelten darstellte.

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»Ich glaube, daß er leidet.« — Glaube ich auch, daß er kein Automat ist?

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613. In dem Sinne, in welchem ich überhaupt etwas herbeiführen kann (etwa Magenschmerzen durch Überessen), kann ich auch das Wollen herbeiführen. In diesem Sinne führe ich das Schwimmen-Wollen herbei, indem ich ins Wasser springe. Ich wollte wohl sagen: ich könnte das Wollen nicht wollen; d. h., es hat keinen Sinn, vom Wollen-Wollen zu sprechen. »Wollen« ist nicht der Name für eine Handlung und also auch für keine willkürliche.

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616. Wenn ich meinen Arm hebe, so habe ich nicht gewünscht, er möge sich heben. Die willkürliche Handlung schließt diesen Wunsch aus.

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665. Denke, jemand zeigte mit dem Gesichtsausdruck des Schmerzes auf seine Wange und sagte dabei: »abrakadabra!« — Wir fragen »Was meinst du?« Und er antwortet »Ich meine damit Zahnschmerzen.«

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383. Wir analysieren nicht ein Phänomen(z.B. das Denken), sondern einen Begriff(z.B. den des Denkens), und also die Anwendung eines Worts.

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