Literaturbrevier

Ludwig Wittgenstein: Vermischte Bemerkungen

Wer ein Kind mit Verständnis schreien hört, der wird wissen, daß andere seelische Kräfte, furchtbare, darin schlummern, als man gewöhnlich annimmt. Tiefe Wut und Schmerz und Zerstörung.

__

Wenn ich nicht recht weiß, wie ein Buch anfangen, so kommt das daher, daß noch etwas unklar ist. Denn ich möchte mit dem der Philosophie gegebenen, den geschriebenen und gesprochenen Sätzen, quasi den Büchern, anfangen.
Und hier begegnet man der Schwierigkeit des »Alles fließt«. Und mit ihr ist vielleicht überhaupt anzufangen.

__

Die Musik scheint manchem eine primitive Kunst zu sein, mit ihren wenigen Tönen und Rhythmen. Aber einfach ist nur ihre Oberfläche, während der Körper, der die Deutung dieses manifesten Inhalts ermöglicht, die ganze unendliche Komplexität besitzt, die wir in dem Äußeren der anderen Künste angedeutet finden, und die die Musik verschweigt. Sie ist in gewissem Sinne die raffinierteste aller Künste.

__

Die Grenze der Sprache zeigt sich in der Unmöglichkeit, die Tatsache zu beschreiben, die einem Satz entspricht(seine Übersetzung ist), ohne eben den Satz zu wiederholen.

__

Der Talent ist ein Quell, woraus immer wieder neues Wasser fließt.

__

Wenn Menschen eine Blume oder ein Tier häßlich finden, so stehen sie immer unter dem Eindruck, es seien Kunstprodukte. »Es schaut so aus, wie...«l heißt es dann. Das wirft ein Licht auf die Bedeutung der Worte »häßlich« und »schön«.

__

Die Lösung philosophischer Probleme verglichen mit dem Geschenk im Märchen, das im Zauberschloß zauberisch erscheint und wenn man es draußen beim Tag betrachtet, nichts ist, als ein gewöhnliches Stück Eisen (oder dergleichen).

__

Man hört immer wieder die Bemerkung, daß die Philosophie eigentlich keinen Fortschritt mache, daß die gleichen philosophischen Probleme, die schon die Griechen beschäftigten, uns noch beschäftigen. Die das aber sagen, verstehen nicht den Grund, wieso es so ein muß. Der ist aber, daß unsere Sprache sich gleich geblieben ist und uns immer wieder zu denselben Fragen verführt. Solange es ein Verbum ›sein‹ geben wird, solange von einem Fluß der Zeit und von einer Ausdehnung des Raumes die Rede sein wird, usw., usw., solange werden die Menschen immer wieder an die gleichen rätselhaften Schwierigkeiten stoßen, und auf etwas starren, was keine Erklärung scheint wegheben zu können. [...] »Grenze des menschlichen Verstandes« [...]

__

Kleist schrieb einmal[Brief eines Dichters an einen anderen, 5.1.1811], es wäre dem Dichter am liebsten, er könnte die Gedanken selbst ohne Wort übertragen. (Welch seltsames Eingeständnis.)

__

Ich denke tatsächlich mit der Feder, denn mein Kopf weiß oft nichts von dem, was meine Hand schreibt.

__

Ich drücke, was ich ausdrücken will, doch immer nur »mit halbem Gelingen« aus. Ja, auch das nicht, sondern vielleicht nur mit einem Zehntel. Das will doch etwas besagen. Mein Schreiben ist oft nur ein »Stammeln«.

__

Das Christentum ist keine Lehre, ich meine, keine Theorie darüber, was mit der Seele des Menschen geschehen ist und geschehen wird, sondern eine Beschreibung eines tatsächlichen Vorgangs im Leben des Menschen.

__

Auch im Denken gibt es eine Zeit des Pflügens und eine Zeit der Ernte.

__

Im Rennen der Philosophie gewinnt, wer am langsamsten laufen kann. Oder: der, der das Ziel zuletzt erreicht.

__

Sich psychoanalysieren lassen ist irgendwie ähnlich vom Baum der Erkenntnis essen. Die Erkenntnis, die man dabei erhält, stellt uns (neue) ethische Probleme; trägt aber nichts zu ihrer Lösung bei.

__

Das Verführerische der kausalen Betrachtungsweise ist, daß sie einen dazu führt, zu sagen: »Natürlich, — so mußte es geschehen.« Während man denken sollte: so und auf viele andere Weise, kann es geschehen sein.

__

Unsere größten Dummheiten können sehr weise sein.

__

Wolken kann man nie bauen. Und darum wird die erträumte Zukunft nie wahr.

__

Nur ein sehr unglücklicher Mensch hat das Recht einen Andern zu bedauern.

__

Man sagt »Hätte der nicht das getan, so wäre das Übel nicht gekommen«. Aber mit welchem Recht? Wer kennt die Gesetze, nach denen die Gesellschaft sich entwickelt? Ich bin überzeugt, daß auch der Gescheiteste keine Ahnung hat.

__

Wenn es wahr ist, wie ich glaube, daß Mahlers Musik nichts wert ist, dann ist die Frage, was er, meines Erachtens, mit seinem Talent hätte tun sollen. Denn ganz offenbar gehörten doch eine Reihe sehr seltener Talente dazu, diese schlechte Musik zu machen.

__

Wenn Nachtträume eine ähnliche Funktion haben, wie Tagträume, so dienen sie zum Teil dazu, den Menschen auf jede Möglichkeit(auch die schlimmste) vorzubereiten.

__

Nimm nicht die Vergleichbarkeit, sondern die Unvergleichbarkeit als selbstverständlich hin.

__

»Denken ist schwer« (Ward). Was heißt das eigentlich? Warum ist es schwer? — Es ist beinahe ähnlich, als sagte man »Schauen ist schwer«. Denn angestrengtes Schauen ist schwer. Und man kann angestrengt schauen und doch nichts sehen, oder immer wieder etwas zu sehen glauben, und doch nicht deutlich sehen können. Man kann müde werden vom Schauen, auch wenn man nichts sieht.

__

Nur wenn man noch viel verrückter denkt, als die Philosophen, kann man ihre Probleme lösen.

__

Es ist ein körperliches Bedürfnis des Menschen, sich bei der Arbeit zu sagen »Jetzt lassen wir's schon einmal«, und daß man immer wieder gegen dieses Bedürfnis beim Philosophieren denken muß, macht diese Arbeit so anstrengend.

__

So bist Du also ein schlechter Philosoph, wenn, was Du schreibst, schwer verständlich ist? Wärest Du besser, so würdest Du das Schwere leicht verständlich machen. — Aber wer sagt, daß das möglich ist?! [Tolstoi.]

__

Ich schreibe beinahe immer Selbstgespräche mit mir selbst. Sachen, die ich mir unter vier Augen sage.

__

Ehrgeiz ist der Tod des Denkens.

__

Humor ist keine Stimmung, sondern eine Weltanschauung. Und darum, wenn es richtig ist, zu sagen, im Nazi-Deutschland sei der Humor vertilgt worden, so heißt das nicht so etwas wie, man sei nicht guter Laune gewesen, sondern etwas viel Tieferes und Wichtigeres.

__

Man könnte wohl sagen, daß Wagner und Brahms, jeder in andrer Art, Beethoven nachgeahmt haben; aber was bei ihm komisch war, wird bei ihnen irdisch.

__

Wenn das Christentum die Wahrheit ist, dann ist alle Philosophie darüber falsch.

__