Literaturbrevier

Dorothea Zeemann: Jungfrau und Reptil

Er legt das Silberbesteck hin, das von Ella stammt.
»Da es bis jetzt niemand gestohlen hat, will ich es noch aufheben.«
Ich sage das, um ihn nicht vom Anblick des Besteckes, das uns an Ella erinnert, zu befreien.

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Ich hätte gar nichts tun können, aber es ist doch ein beschissenes Gefühl, nichts getan zu haben, als sie Ella verluden. Die theoretische Moral: sich einfach zu opfern! Die Welt könnte nicht bestehen, wenn das Praxis wäre. Trotzdem ist es ein beschissenes Gefühl, nicht geopfert zu haben.

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Nichts schmeckt unseren entwöhnten Mägen, ich kaue am liebsten hartes Brot, ganz langsam und möglichst stundenlang.

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Doderer teilt mir mit: »Ich muß mein letztes Kapitel schreiben zu einer Arbeit von mehr als tausend Seiten, zu einem Roman, an dem ich seit fünfundzwanzig Jahren arbeite.« Ich schrumpfe vor Ehrfurcht. Die Bewältigung eines solchen Umfangs läßt den Drachen ins Ungeheure wachsen und grüngoldig in seiner Märchenwelt aufglänzen. Ich sage nichts. Ich habe nichts mehr zu sagen.
[...]
[später sagt die Ich-Erzählerin:] »Lassen wir uns fallen. Fallen wir auf uns herein.«
»Spatz«, sagt er. »Spatz!« Er wird es immer sagen, wenn er es nötig hat, mich klein und winzig zu sehen und mein Piepsen zu entwerten.

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Walther, der von diesen Szenen nichts weiß, sagt: »Er mißbraucht dich.« »Na, und wenn schon«, sage ich und ich weiß, wovon ich rede: ich bin gerne zu etwas gut. Man liebt, was man gebrauchen kann, und die Nähe, zu der das führt, tut mir unendlich wohl.

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Er[Doderer] hat als Alibifigur einen Arbeiter beschrieben, der sich durch Latein- und andere Studien soweit entwickelt, daß er an der Menschheit würdig teilnehmen kann und eine bürgerliche Frau lieben darf.

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Es ist immer Spannung da, wenn sie auftauchen. Und, wie schon Weininger sagt: Es ist alles Sex bei den Weibern, was sie anrühren, beginnt und endet damit.

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Heitere Melancholie ist Walthers Sache nicht. Ich denke an ihn und leere ein Glas. Eine müde Sonne, die auf welken Blättern matt leuchtet. Braune Wälder am grünen Wasser. Ein fahler Himmel. Absterbens Amen: Später Herbst, November, wehmütige Marschpause auf der uralten Straße der Nibelungen.

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Viele deklmaieren Rilke — ich schäme mich: von Rilke kann ich nichts auswendig und habe auch keine Unterlagen mit. Ich weiß nur billige Anekdoten: daß er im Ersten Weltkrieg im Wiener Militärgeographischen Institut gearbeitet hat und »die Mizzi« hieß, wegen seiner Kleinheit und Schwäche und seines Vornamens »Rainer Maria«.

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Vaters Schwanz hielt Irmingardis einst schon in der Hand, aber sie wagten es beide nicht. »Es wurde nichts aus dem Inzest«, klagte sie, und das verdarb ihr die Freude am Liebesleben.

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